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Deutsche Meisterschaft der M-Klasse in Thüringen

Der Deutsche Segler-Verband wurde mit der Ausrichtung der Bundesmeisterschaft 1993 für die Marblehead-Klasse beauftragt. Durchführender Verein war der VdMYS, die Vereinigung der Modellyachtsegler e.V. Dieser national organisierte Verein wählte zur Durchführung dieser Meisterschaft ein Gewässer in den neuen Bundesländern. Obwohl die Situation für die Modellsegler in den neuen Bundesländern momentan wahrlich nicht einfach ist, wurden die Modellsegler in Sömmerda mit dieser Aufgabe betraut.

Die Modellsegler aus Sömmerda brachten aber von vorneherein gute Voraussetzungen für die Durchführung dieser Meisterschaft mit, da sich das Sömmerdaer Team um Siegfried Wagner und Frau Luise in den letzten Jahren bei Ranglistenregatten bestens profiliert hat.

1994_dm_m_1Für eine gute Regatta spielen neben einem guten Team natürlich auch die Organisation, die Windbedingungen, das Gewässer und das Regattagelände eine wichtige Rolle. Der Austragungsort ließ hinsichtlich dieser Kriterien keine Wünsche offen. Gesegelt wurde in einer ehemaligen großen Kiesgrube in Leubingen nahe bei Sömmerda. Die frei einfallenden Winde gewährleisteten hier gute sportliche Bedingungen! Im Gegensatz dazu stehen die sogenannten "Glücksregatten", die auf Gewässern stattfinden, die eine hohe Windabdeckung durch Bäume, Häuser u. ä. aufweisen. Der Wind kreist auf solchen Gewässern derart, daß letztlich nur das Glück entscheidet, wer den besten Wind abbekommt und somit als erstes durchs Ziel fährt. Die Kiesgrube in Leubingen liefert hingegen fast Idealbedingungen. Aber auch das Regattagelände hat vieles für die Modellsegler zu bieten: Steganlage, Rasenfläche und Parkplätze gehören ebenfalls dazu, nicht zu vergessen das Clubhaus mit
Kantine. An dieser Stelle möchte ich einmal mehr die Arbeit des kompletten Kantinenteams herausstellen und mich stellvertretend für alle Segler bei den Helfern für die freiwillige Unterstützung auf unseren Regatten bedanken.

Der Hauptgesprächsstoff zu Beginn der Veranstaltung war die für viele Teilnehmer beschwerliche Anreise mit dem Auto. Diejenigen, die schon am Donnerstagabend angereist waren, schilderten katastrophale und chaotische Straßenverhältnisse auf Autobahnen und Landstraßen in Thüringen, hervorgerufen durch zahlreiche Baustellen, meist innerorts. Es kam zu unvermeidlichen Zeitverzögerungen. Diejenigen, die sich entschlossen hatten erst am Freitagmorgen anzureisen, hatten natürlich gleichartige Schwierigkeiten, nur mit dem Unterschied, daß die Zeitreserve bis zum rechtzeitigen Regattastartbeginn um 10.00 Uhr recht knapp wurde (Erfahrungswert des Autors).

Die Veranstaltung begann am Freitag um 10.00 Uhr und ging bis Sonntag 14.00 Uhr. Startberechtigt waren alle deutschen Segler, die in der Rangliste mit mindestens 6 gesegelten Ranglistenregatten geführt wurden. Gemeldet hatten davon 50 Segler, von denen 4 nicht angetreten waren. Bis auf wenige Ausnahmen waren die besten deutschen Modellsegler am Start. Ins Rennen gingen 43 Senioren und 3 Junioren.

Zur Eröffnung der Meisterschaft und Begrüßung der Teilnehmer war neben dem Bürgermeister von Leubingen auch der Dezernent für Sport der Stadt Sömmerda erschienen. Dies zeigt uns deutlich, daß der Modellsegelsport in der Offentlichkeit wieder einmal für großes Interesse gesorgt hat.

Bei der Registrierung staunten einige Teilnehmer nicht schlecht: Für jedes Boot war ein gültiger Meßbrief abzugeben. Und schon hatten einige ihr erstes Problem. Damit hatten sie nicht gerechnet. obwohl nach der AFM '93. der Austragungsregelung für Modellyachtregatten, für die Teilnahme an Ranglistenregatten und nationalen bzw. internationalen Meisterschaften ein
gültiger Meßbrief erforderlich ist. Auf Ranglistenregatten wird der Meßbrief sehr selten verlangt, doch auf einer deutschen Meisterschaft kann es schon mal vorkommen! Die "Vergeßlichen" bekamen aber ihre Chance. Sie konnten ihr Boot bei anwesenden Vermessern noch während der Regatta mit einem Meßbrief ausstatten und diesen nachreichen. Eine nette Geste vom Veranstalter, sollte aber sicherlich nicht zum Normalfall werden. Nur verständlich, daß an diesem Tage die sonst sehr hilfsbereiten Vermesser ihre Arbeit nur ungern erledigten, denn sie waren selbst Teilnehmer und hätten sich sicherlich lieber auf ihr eigenes Boot und auf das Segeln konzentriert.

1994_dm_m_2Bei gutem, mittlerem Wind wurde pünktlich gestartet. Gesegelt wurde in vier Gruppen nach dem bewährten Flottensystem, 3 Vorläufe "italienisch". Der erste Regattatag verlief bei gleichmäßig konstant leichten Winden und bedecktem Himmel relativ ruhig. Ein großer Dreieckskurs mit einer zusätzlichen Kreuz- und Vorwindstrecke („Banane") war abzusegeln. Alle Teilnehmer waren sehr konzentriert, so daß die drei Einteilungsläufe zügig und routiniert abgewickelt werden konnten. Startstellenleiter Horst Todtenhaupt, der Permanent von seinem Team hervorragend unterstützt wurde, hatte von Anfang an alles bestens im Griff.

Es wurde sehr gelassen, fair und harmonisch gesegelt, so daß es an diesem Regattatag wenig Proteste zu vermelden gab.

Die drei Junioren Andy Kaps, Michael Mund und Andre Böhm starteten in dem Feld der routinierten Senioren. Sie konnten sich trotzdem alle beeindruckend in diesem Starterfeld behaupten, und einige erfahrene Segler hatten gegen sie das Nachsehen. Da staunte mancher "Senior" nicht schlecht, wenn „der Junior" das Ziel vor ihm erreichte.

Am nächsten Tag spielte das Wetter leider nicht mit. Kälte und Regen dominierten an diesem Oktobersamstag, und das Regattagelände verwandelte sich zunehmend in ein Matschfeld. Doch einen echten Modellsegler bringt so schnell nichts aus der Fassung. Im Gegenteil, er denkt positiv und sportlich, freut sich dabei über den etwas stärker gewordenen konstanten
Wind. Sportlich gesehen herrschten hervorragende Bedingungen, doch für das Interesse der Zuschauer war das Wetter denkbar ungünstig.

Mehr Wind fordert den Modellseglern natürlich auch stärkere Konzentration und schnellere Reaktionen ab. Die Schiffe werden schneller, die Abstände zwischen den Schiffen enger und die Zweikämpfe härter. Es kam deshalb zu häufigeren Protesten, die von den schuldigen Seglern meistens durch eine 720"-Drehung auf dem Wasser ausgeglichen wurde und somit zur Entlastung der Betroffenen führte. Diese Sofortentscheidungen seitens der Rennbeobachter gelangen nicht immer. Einige Regelverstöße mußten dann durch eine Juryverhandlung entschieden werden. Eine sportliche Normalität auf Ranglistenregatten und Meisterschaften, doch für die Jury nicht immer eine leichte Aufgabe, denn sie haben die kritische Situation meist nicht selbst gesehen. In den Verhandlungen hört man sich beide Parteien an, registriert die Aussagen der Rennbeobachter und der betroffenen Segler und soll nun einen der beiden Segler mit Hilfe der IWBs (Internationalen Wettsegel-Bestimmungen) eines Regelverstoßes überführen und disqualifizieren. Als Jurymitglied empfand ich daher diesen Tag als besonders hektisch und stressig.

Anzumerken ist, daß sich alle bestraften Segler als faire Sportsleute erwiesen und die Entscheidungen der Jury hinnahmen. Ich glaube. daß sich jeder Segler über die schwierige Juryaufgabe bewußt ist, denn man könnte auf einer der nächsten Ranglistenregatten selbst eine solch undankbare Aufgabe übertragen bekommen.

In der Mittagspause arbeitete die Kantine auf Hochtouren und versorgte die Teilnehmer und die in der Kälte ausharrenden Mitreisenden bestens. Nachmittags gab es dann selbstgebackenen Kuchen.

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Nach der Pause folgten weitere Rennen, die im einzelnen immer wieder spannende Zweikämpfe hergaben. Aufgrund der konstanten mittleren Winde und der zügigen Abwicklung an der Startstelle kamen an diesem Tag relativ viele Läufe zustande.  Ein wenigstens sportlich schöner und interessanter Regattatag ging damit zu Ende.

Am Abend dann hatten die Sömmerdaer Modellsegler für alle Teilnehmer und Anhang einen gemütlichen Abend organisiert. Ein nettes Lokal im Herzen von Sömmerda war der Treffpunkt. Vergessen waren der Regen, die Kälte und die Anstrengungen des Tages. Nach dem Essen begann an den einzelnen Tischen dann das große Fachsimpeln. Zweikämpfe an der Wendemarke, Wegerechtsregeln oder die neueste Segeltechnik sorgten plötzlich für unerschöpflichen Gesprächsstoff, der den Abend füllen sollte. Wer an diesem Abend vom Thema Segeln die Nase voll hatte, konnte sich alternativ auch bei Musik und Tanz in der Hausdisco vergnügen. Insgesamt ein gelungener Ausklang des Tages.

Am Sonntagmorgen dann zum Glück besseres Wetter. Sogar die Sonne spendete uns ein paar Sonnenstrahlen. Ein pünktlicher Start war jedoch leider nicht möglich, da der gute Wind des Vortages auf sich warten ließ. Alle hofften auf Wind, denn so manch einer wollte auf wenigstens zwei Streichläufe kommen, um die zwei bis dahin schlechtesten Laufergebnisse streichen zu können. Verspätet kam dann etwas Wind auf, und die Regatta konnte fortgesetzt werden.

Es herrschten nun schwierige Bedingungen. Auf dem gesamten Kurs schien der wenige Wind aus allen Richtungen zu wehen. nur nie so, wie man ihn gerade brauchte. Jetzt waren die Leichtwindspezialisten gefordert und konnten durch gute Ergebnisse unter Umständen noch ein paar Plätze gutmachen.

Die Sache wurde also noch einmal spannend.

Wir konnten an diesem Tag gerade noch zwei Durchgänge fahren, bevor der Wind gegen 14.00 Uhr gänzlich einschlief. Trotz der Flaute schafften wir aber unsere 2 Streichläufe. Nach dem letzten Lauf wurden dann die Segel der ersten drei Schiffe vermessen. Dabei werden die Maße im Meßbrief mit den vor Ort festgestellten Maßen verglichen. Die Bauvorschrifien müssen schon eingehalten werden! Keiner der drei Erstplazierten fiel bei der Vermessung durch, so daß das Ergebnis amtlich und endgültig war.

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Die Siegerehrung konnte beginnen. Werner Gerhardt, der Vorsitzende des VdMYS, bedankte sich bei den Sömmerdaer Modellseglern für die Austragung dieser Meisterschaft und die geleistete Arbeit. Er überreichte jedem Helfer eine Kleinigkeit als Anerkennung für die freiwillige Unterstützung. Jeder Teilnehmer bekam neben einer Urkunde einen für diese Gegend typischen Weimarer Zwiebelzopf.

Abschließend kann man, wie ich finde, von einer gelungenen Deutschen Meisterschaft 1993 sprechen. Ein Lob noch einmal an die Sömmerdaer Modellsegler, die mit ihrem Team eine gut organisierte Meisterschaft durchgeführt haben. Freuen wir uns alle auf die nächste Deutsche Meisterschaft, die dann vom Nauticus-Verband ausgetragen wird.

logosmOriginal erschienen in der Zeitschrift Schiffsmodell  des Neckar-Verlags 2/1994 Autor:Jochen Weiß.
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