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Diese Meisterschaft wurde in Hanko bzw. Hangö an der Südwest-Küste in Finnland, direkt an der Ostsee ausgetragen. Die zwei Bezeichnungen für die gleiche Stadt kommen daher, weil hier zweisprachig gesprochen wird, und zwar finnisch und - ganz besonders hier im Süden - überwiegend schwedisch.

1991_em_m_1Der finnische Veranstalter hat mit großem Aufwand versucht, der Veranstaltung einen dem Wert einer Europameisterschaft würdigen Rahmen zu geben. Man hatte ein ganzes Hafenbecken für uns freigemacht, alle Heckbojen für die Sportboote vom Grund aufgenommen und in einer Ecke abgelegt. Die Feuerwehr hatte eine schwimmende Ölabschneidebarriere, mehrere hundert Meter lang, um das ganze Hafenbecken gelegt. Der luftgefüllte obere Schlauch verhinderte, daß unsere Boote an die Beton-Kaimauer prallen konnten, und hielt außerdem die Boote fest, die außer Kontrolle gerieten und den Hafen verlassen wollten.

Die abendliche Freizeit war ausgefüllt mit einem Barbecue auf einer kleinen Insel vor dem Hafen, einer Regattaparty mit Essen und Tanz im Kasino, einem Seglertreff im Yachtclub usw. usw.

1991_em_m_2Es waren 62 Segler aus 16 Nationen am Start, darunter John Elmaleh aus den USA und eine Seglerin und ein Segler aus Neuseeland.

Die seglerische Veranstaltung fing am Montag aber mit Blitz und Donner an. Es ging so richtig lustig los, denn zwei Gewitter zogen nacheinander über uns hinweg, der Regen brach förmlich über uns herein. So wurden wir gleich zu Beginn bei unseren Vorläufen ganz schön in die Mangel genommen.

Der Wind frischte derart auf, daß einige Segler keine Zeit mehr fanden umzuriggen. Sie gingen deshalb mit ihrem A-Rigg auch fast unter. Einige glückliche, besonders die mit einem Swing-Rig getakelten Boote, waren nun fein heraus, weil sie in "Null Komma nichts" die Segel wechseln konnten.

Unser Klaus Schröder ging auch mit dem A-Rigg ins Rennen und erreichte das Ziel nur mit Mühe und Not als Zehnter. Leider war das in der D-Gruppe. Er mußte sofort wieder in der nächsten A-Gruppe starten, weil die fünf Vorläufe vorher ausgelost und damit festgelegt waren, er konnte also die Segel nicht mehr wechseln. Bei diesem nächsten Lauf mochte man schon gar nicht mehr hinsehen. Auf dem Raumschot-Kurs machte er mehrmals den berühmten „Schuß in die Sonne", bei der "Banane" fabrizierte er eine Patenthalse nach der anderen und konnte wieder nur als 13. von 16 Teilnehmern dieser Gruppe ins Ziel kommen. Als er dann schließlich völlig entnervt umgeriggt hatte, flaute der Wind natürlich vorübergehend ab, er hatte nun
viel zu kleine Segel und konnte darum wieder nur den achten Platz belegen. Trotzdem konnte er am nächsten Tag die Wertungsläufe in der B-Gruppe beginnen.

1991_em_m_4Bedingt durch das Gewitter, gab es sehr schnelle Änderungen der Windrichtungen. Deshalb mußten natürlich die Tonnen laufend, und zwar nach jedem Lauf, neu verlegt werden. Durch ungeschicktes „Uber-den-Grund-Schleifen" der Bojengewichte wurde aber viel Seegras vom Grund gelöst, das aber "glücklicherweise" von einigen Seglern mit ihrem Kiel wieder aufgefischt wurde. An dieser Steile will ich nicht verschweigen daß sich im drittletzten Lauf die größte Pflanze der ganzen Regatta an „meinem" Kiel verfing - wo auch sonst? Man gönnt sich ja sonst nichts.

Das war der sichere Abstieg in die B-Gruppe. Es war allerdings kein Trost, daß ich sofort mit über 30 m großem Abstand vor dem Feld wieder als Erster in die A-Gruppe aufsteigen konnte. Es hat mich 29 Punkte und in der Endabrechnung mindestens einen Platz gekostet.

1991_em_m_3Janusz Walicki setzte sich gleich mit 5 gewonnenen Vorläufen an die Spitze. Betrachten wir zunächst einmal unsere Segler, so konnten gleich auf Anhieb drei unserer Segler die A-Gruppe erreichen, und zwar Wolfgang Krüll mit 5-4-3-2-2 und ich mit den Plätzen 6-2-1-1-3. Das sah für den nächsten Tag schon einmal gar nicht so schlecht aus.

Nur unsere Elke Wißmann kam nicht so richtig in Form. Sie war zwar nicht die Letzte, aber das Wetter, der Regen und der starke Wind, die Riggprobleme usw. machten ihr doch sehr zu schaffen. Sie war nahe dran, das Handtuch zu werfen, doch sie biß sich tapfer durch, und am nächsten Tag und ganz besonders an den folgenden Tagen war sie dann wieder fröhlich dabei. Die gute Stimmung in unserer Mannschaft war dabei gerade für sie besonders wichtig.

Wir wollen nicht vergessen, den einzigen Segler aus Osterreich, Helmut Türk, zu erwähnen, der mit den Plätzen 5-1-9-3-1. auch gleich in die A-Gruppe kommen konnte, sich lange in der Spitzengruppe hielt, erst an den beiden letzten Tagen einbrach und vom fast sicheren 4. Platz auf den aber immerhin noch hervorragenden 8. Platz zurückfiel.

Die Vermessung ging Ruck-Zuck über die Bühne. Die Segel wurden nicht vermessen sondern genauso wie Rumpf, Kiel und Ruder nur gestempelt. Es gab später auch keine Nachvermessung, man setzte voraus, daß alles in Ordnung war.

Am zweiten Tag kamen uns dann einige Dinge etwas merkwürdig vor. Janusz hatte eine Kontaktsituation und mußte seine Kringel drehen. Er machte sie auch vorschriftsmäßig, wollte danach aber nicht hinter dem ganzen Feld hinterherfahren, sondern machte gleich noch eine zusätzliche Wende. Es waren also genau zweiundeinviertel Drehungen. Nach dem Lauf wurde er durch die Jury disqualifiziert, weil ein oder zwei "Segler"-Observer behaupteten, er hätte nur einundeinhalbmal gedreht. Da nützte es auch nichts, daß Mr. Hattfield die Gültigkeit der Kringel sofort am Wasser und später auch bei der Jury bestätigte. Ihm wurde nicht geglaubt, und das, obwohl er extra für seine Arbeit an der Startstelle aus England eingeflogen worden war.

Es kam noch schlimmer. Die Mannschaftsführer wurden gerufen, und es gab neue Anweisungen für die Tätigkeit der Observer. Die Observer sollten zukünftig nur noch "Kontakt" sagen, allerhöchstens noch „zwischen X und Y", „Nr. und Nr." oder „Farbe
gegen Farbe" usw. Danach sollte es nur noch eisiges Schweigen geben. Es durfte keine Bestätigung mehr gegeben werden, daß die Strafkringel gedreht wurden, geschweige denn, daß sie richtig und ordnungsgemäß gedreht worden waren. Es sollte nicht einmal bestätigt werden, daß der Observer uberhaupt dorthingesehen hat. Außerdem sollten nur Zeugen aus dem jeweiligen Lauf aussagen dürfen. Dabei sind gerade diese Segler doch vollauf mit ihrem eigenen Boot beschäftigt. Zeugnisse der von außen zuschauenden Segler sollen nicht zugelassen werden.

Und jetzt setzt Euch hin und hört die Begründung: Jede Aussage darüber, daß die Kringel gedreht wurden und/oder daß sie gar richtig gedreht wurden, sei eine "Beratung der Segler" - und jede Beratung ist verboten! Da frage ich mich: "Ja wo sind wir denn nun eigentlich angelangt?" Das kann doch nur noch Segeln zum Abgewöhnen werden!

Da sollte aber ganz schnell weltweit ein Schrei der Entrüstung übers Wasser schallen. Bei dieser Verfahrensweise ist der Manipulation ja Tür und Tor weit geöffnet. Jeder Segler wurde auch als Observer eingesetzt. Dieser Segler oder seine Freunde können unliebsame Konkurrenten noch nach einem Lauf herausschießen, weil einfach "kein Observer die Kringel gesehen hat".

Eine andere Beweismöglichkeit ist nach einem Lauf in der Regel nicht mehr möglich. Der Betroffene kann seine Kringel nicht wiederholen, im Gegenteil: er kann nur hoffen, daß sein Observer ehrlich ist und überhaupt sein Boot beobachtet hat. Es ist ein Unding, daß die Segler hierüber im unklaren gelassen werden sollen. Auf jeden Fall bleibt jeder bis zu seinem nächsten Lauf in der Ungewißheit, ob er das Rennen überhaupt heil überstanden hat.

Es mußte überhaupt jeder Segler während der ganzen Veranstaltung völlig wach und aufmerksam sein, z.B. wurde nur immer der nächste Lauf aufgerufen. Es hieß also z.B. nur - in englisch natürlich - "Lauf 6, Gruppe B". Jeder Segler mußte immer selbst auf der Tafel nachsehen, in welcher Gruppe er starten mußte.

Genauso wurden auch die Observer bestimmt. Wir waren also den ganzen Tag immer auf der Wanderschaft: Zwischen unserem Boot, dem Vorbereitungsraum und der Startstelle, den Lauf vollenden, das Boot wegbringen und schon wieder zur  Anzeigetafel, weil man ja eventuell schon wieder als Observer eingeteilt worden sein konnte.

Zwischendurch mußte man natürlich auch mal wieder zur Tafel, weil ja womöglich noch heimlich ein Protest gegen einen bevorstand oder man trotz schlechter Plazierung doch gar nicht in die untere Gruppe abgestiegen war, weil noch ein paar andere herausgeschossen worden waren. Kurzum, man konnte sich nie sicher sein.

Das Pech setzte sich an diesem Dienstag fort: Wolfgang stieg ab zur B- und C-Gruppe, und Klaus fand sich auch bei den C-Seglern wieder. So konnten sie nun mit unserer Elke zusammen segeln, weil diese den Aufstieg geschafft hatte. Ich selbst
mußte auch dreimal kringeln, davon einmal allerdings unberechtigt, weil der Observer einen Kontakt gesehen hatte, der nun wirklich keiner war.

Ich will ihm gar keine böse Absicht unterstellen, aber er konnte sich bestimmt nicht sicher sein, denn er hat eine schnelle, ruckartige Ruderbewegung von mir als vermeintliche Berührung angesehen. Ich stieg also ab, konnte aber sofort mit großem Abstand zum übrigen Feld als Erster wieder aufsteigen. Zum Uberfluß kam dann auch wieder ein tolles Gewitter mit Winddrehungen von 360 Grad, Flaute und Starkwind im steten Wechsel. Also der Dienstag war wirklich nicht unser Tag.

Zum Glück verlor unsere Mannschaft nie ihren Humor. Es ging ganz locker zu, es wurde gelacht von früh bis spät. Wir waren schon ein tolles fröhliches Team, würde es einen Preis für die humorvollste Nationalmannschaft geben, wir hätten ihn sicher mit großem Abstand verdient.

Die vom Veranstalter geplante Helsinkifahrt fiel aus, weil es eine lange Verzögerung durch unsere lettischen Segelfreunde aus Riga gab, die übrigens mit zwei Segelbooten zwei Tage lang über den Teich hierher geschippert waren. Sie hatten leider so schlechtes Material und stark streuende RC-Anlagen, daß sie alles durcheinander brachten und zwei vorherige Läufe wiederholt werden mußten. Schließlich wurden nach langem Versuchen und Probieren ihre Anlagen außer Betrieb gesetzt. Sie konnten mit geliehenen finnischen und norwegischen Booten den Wettkampf fortsetzen.

Zum Glück hatte dann aber Petrus ein Einsehen mit uns und ließ die Sonne richtig warm scheinen. Zum ersten Mal in meiner ganzen jahrzehntelangen Segelpraxis konnte ich erleben, daß der Wind während einer Regatta eine ganze Woche lang immer aus der gleichen Richtung kam. Außer beim Gewitter natürlich, darüber hinaus auch noch fast vier Tage lang mit fast gleicher Windstärke, so um die 4-5 m/s herum. Kurzum: ein ideales A-Rigg-Segelwetter.

Der US-Meister, John Elmaleh, wurde unseren und sicher auch seinen eigenen Erwartungen nicht gerecht. Er konnte zwar zu Beginn die A-Gruppe erreichen, stieg aber schon am zweiten Tag nach B und schließlich sogar nach C ab und konnte nicht einmal aus der C-Gruppe auf Anhieb wieder herauskommen. Er konnte während der ganzen Veranstaltung nur zwei Läufe lang in der A-Gruppe segeln. Das zeigt übrigens, wie stark die Segler noch in der C- und ganz besonders aber auch in der B-Gruppe waren.

 

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Ebenso blieb auch der mir eigentlich als sehr guter Segler bekannte italienische Meister, Federico Ciardi, mit Platz 29 weit hinter den Erwartungen zurück. Er segelte in den Gruppen B-C und Sogar D und konnte die A-Gruppe nie erreichen.

An dieser Stelle gleich noch ein Ergebnis, das man nicht in der Ergebnisliste finden kann. Es gab noch eine Mannschaftswertung, in der die drei besten Segler einer Nation berücksichtiqt wurden. Die Engländer gewannen mit 335,9 Punkten den Pokal. Wir konnten mit unserer nur halb so zahlreichen Mannschaft knapp danach mit 367,0 Punkten den zweiten Platz erreichen, während die drittplazierten Norweger mit 555,5 Punkten doch schon deutlich zurücklagen. Die schwedischen Segelfreunde wurden Vierte und hatten mit 734 Punkten genau doppelt soviel Zähler eingeheimst wie wir.

Nach oben gab es, bis zu den 2539 Punkten der lettischen Segler, dann fast keine Grenze mehr.

1991_em_m_5Wenn mich nun einer fragt: "Was hast denn an neuen und/oder verbesserten Materialien gesehen?", dann kann ich eigentlich nichts berichten. Ich kann Euch ein Foto von durchlöcherten Fock- und Großsegelbäumen zeigen, also so, wie man es besser nicht machen sollte, wenn man nicht auf dem 46. Platz landen will. Das nur 18 cm breite Boot mit 3,5 kg Kielgewicht des Italieners Claudio Falcinelli sah mit dem A-Rigg schon bei mittlerer Windstärke nicht mehr gut aus und war am Ende auf Platz 49 zu finden.

25 Boote waren mit einem Swing-Rig getakelt, 36 konventionell, mal mit oder auch mit nicht drehbarem Mast, in Keep oder mit Ringen. Ein Boot hatte beide Möglichkeiten. Es fiel auf, daß in der D-Gruppe kaum Swing-Rig-Boote zu finden waren. Es lag aber offensichtlich daran, daß die langsamsten Boote fast alle schon älteren Datums waren und außerdem auch nicht sehr gut gesegelt wurden.

Ich habe vergeblich nach etwas richtig Neuem gesucht. Ab und zu sah man 6 "Skalpel"-Boote in der A-Gruppe. Aber darüber, welche Riggform nun wirklich die bessere ist, mag ich noch keine endgültige Entscheidung treffen, weil ich wieder in guter Mischung alle Systeme in allen Gruppen verteilt gesehen habe.

Bei mittlerem und besonders bei stärkerem Wind hat das Swing-Rig auf den Kreuzkursen sicher seine Nachteile. Nur bei leichtem achterlichen Wind habe ich ab und zu kleine Vorteile gesehen, aber seltsamerweise ist das nicht immer konstant sichtbar. Eine absolut eindeutige Aussage möchte ich lieber nicht machen, obwohl ich selbst das konventionelle Rigg bevorzuge.

Wer noch etwas über die Proteste hören will, dem kann ich sagen, daß insgesamt 62 verhandelt werden mußten. Sie wurden zum Glück recht zügig erledigt. Die Anzahl betrug an den einzelnen Tagen 8-15-14-22-3. Am vierten Tag wurde die Jury geteilt, so konnte an zwei Stellen gleichzeitig verhandelt werden. Das verkürzte die Wartezeit erheblich.

Abschließend kann man sagen, daß es trotz einiger Unzulänglichkeiten eine gute Regatta mit korrekten Ergebnissen unter guten, überwiegend regulären Verhältnissen war. So möchte ich dem Ragatta-Komitee unter Marianne und Henry Ericson sowie den Jurymitgliedern unter dem Norweger Trygve Bernhardsen und den vielen Helfern für ihre gute Arbeit danken.


Ich wünsche Euch Mast- und Schotbruch und die berühmte Handbreit Wasser unter dem Kiel.

 

 

 

 

logosmOriginal erschienen in der Zeitschrift Schiffsmodell  des Neckar-Verlags 11/1991 Autor:Werner Gerhardt 
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