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Veni, vidi, vici . . . er kam, sah und siegte! „Er", das ist der Jung-Amerikaner Jon Elmaleh (27) aus New York, von Beruf lndustrial Designer, der als erster AMYA-Segler aus den USA an einer internationalen Meisterschaft in Europa - und zwar überaus erfolgreich - teilgenommen hat. Nun brauchen die europäischen Modellsegler deswegen nicht gleich in den Boden zu versinken, gewiß spielten auch die näheren Umstände, nämlich die Wind- und Wetterverhältnisse die Jon sehr entgegenkamen, eine Rolle, aber immerhin!

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Nun der Reihe nach: Die 2. ERMC wurde von der Modell-Yacht-Vereinigung Spaarnwoude organisiert und auf dem Oosterplas-See der holländischen Stadt 's-Hertogenbosch ausgesegelt.
Nachdem die erste Europameisterschaft der IMYRU 1983 in Schweden nur ein begrenztes Echo gefunden hatte, waren für Holland immerhin 60 Teilnehmer (58 traten an) aus 16 Ländern gemeldet. Als internationale Meisterschaft waren demnach auch Segler aus außereuropäischen Verbänden eingeladen, so z. B. aus den USA und aus Hongkong.
Der Oosterplas-See gilt zu recht als ideales Regatta-Revier, frei gelegen, eine große Wasserfläche mit günstiger, breiter Steganlage, die bei Winddrehungen ohne Schwierigkeiten die notwendigen Kurs-Verlegungen zuläßt. Dazu die Gastfreundschaft des Oosterplas-Segelclubs mit Clubhaus und vielerlei Unterstützung. Ja, es war eine freundliche Atmosphäre, zumal auch für das leibliche Wohl ausreichend gesorgt war.
Gesegelt wurde nach den Bestimmungen der IMYRU-Racing-Rules, d. h. nach dem bekannten Flottensystem (mit vorausgegangenen 5 Einteilungsläufen) in 5 Gruppen a 12 und in 2 Gruppen mit je 11 Booten. Die deutschen Segler des DSV hatten eine Zuteilung von 3 Booten erhalten; erstmals waren aber zu einer IMYRU-Meisterschaft auch 3 NAVIGA-, in unserem Fall also Nauticus-Segler eingeladen. Und sie haben sich glänzend geschlagen, was bei den vorwiegend leider nicht ganz idealen Windverhältnissen, gepaart mit viel Regen, nicht selbstverständlich war.
Gerade im Hinblick auf die gemeinsame Weltmeisterschaft IMYRU/NAVIGA 1988 in Berlin erscheint dieser erste praktische Schritt in einem besonderen Licht und bestätigt den Initiatoren, den richtigen Weg zu beschreiten. Sind es doch immer wieder die Aktiven, die zusammen segeln und gemeinsame Meisterschaften austragen wollen, sie sprechen eben alle die gleiche Sprache!

Während die DSV-Segler H. W. Krüll, K. Lauschmann und J. Walicki bereits mit Fleetwood-Erfahrungen (1986) an den Start gingen, war unseren Nauticus-Seglern 0. BöIter, F. Nieweg und K. Schneidemesser doch manches bei der Durchführung einer IMYRU-Meisterschaft und bei der Regelhandhabung neu. Aber, nevertheless, sie hielten glänzend mit und landeten im Endergebnis alle drei im oberen Drittel des Teilnehmerfeldes.

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Aber nun zum Verlauf und zu den Ergebnissen. Sie haben es wohl schon aus meiner Einleitung entnommen: Dem Newcomer auf der europäischen Segelszene Jon EImaleh war der Überraschungseffekt vorbehalten. Erster Tag, erste Einteilungsläufe, Stimmen von den Rängen: „Wer ist das denn, wer fährt denn da um fast eine ganze Schenkellänge des Kurses dem Feld davon? Das gibt es doch gar nicht, wer ist das denn nur?"

Na ja, allmählich sprach es sich herum: Ein Teilnehmer aus den USA, ein Leichtest-Boot, angeblich mit nur 2 Kilo Blei; ein ausgefuchster Designer, Boot nach Computer-Berechnung konstruiert und dazu die sanftesten Winde (bis hin zur Fast-Flaute), die man sich für Regatten eben nicht unbedingt wünscht.
Im späteren Verlauf des Regatta-Geschehens wurden dann allerdings die Verhältnisse doch ein wenig zurechtgerückt, das „Wunderkind" etwas entzaubert: Schon bei mittleren Windstärken war die Startnummer 4 nicht mehr unbestritten an der Spitze, dafür allerdings mit überzeugender Regelmäßigkeit im Mittelfeld der Gruppe A zu finden. Dagegen taten sich andere Segler, Leute wie H. Lupart (Schweiz) und J. Walicki, die man ohne Übertreibung zur europäischen Spitze zählen kann, mit jeweils 4 Kilo Blei doch recht schwer. Natürlich hatte man im Küstenland Holland mit Starkwind-Verhältnissen gerechnet. Wie es auf dem Oosterplas-See auch sein kann, wurde an den beiden letzten Regatta-Tagen demonstriert: Das war dann auch die Stunde für Walickis -Skalpel-, ebenso für T. Klemm (Norwegen), für C. Momo (Schweiz) und für unsere französischen Freunde, die als Mannschaft wiederum das erfolgreichste Team vorstellten.

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Die Auflistung der Ergebnisse mag das enge Zusammenrücken speziell der drei Erstplazierten verdeutlichen. Wie sich die Bilder gleichen: Auch in Holland - ähnlich wie in Fleetwood 1986 - kam es zur Aufholjagd von J. Walicki in den letzten 1 1/2 Tagen bei „seinemn Wind. 2,8 Punkte betrug zum Schluß nur noch die Differenz zum neuen Titelträger eines Europameisters.Die größere Beständigkeit über den gesamten Verlauf  dieser Meisterschaft entschied für J. Elmaleh, der damit vorerst einmal den Pott - den „Sweden Challenge Cup" - in die USA entführt. Es sollte aber wohl niemand von den potentiellen Titelanwärtern, einschließlich des bisherigen Europameisters T. Klem aus Norwegen, traurig sein: es wurde guter Sport geboten, teilweise auch - so beim Bojenrunden und beim Zieleinlauf - hart aber fair gefightet und damit insgesamt ein positives Bild des Leistungssports Modell-Yacht-Segeln geboten. Dankbarer Applaus der vielen Besucher, Familienangehörige ebenso wie holländische Freunde, bei der Preisverteilung und Siegerehrung mag als Beweis für Anerkennung, breites Interesse und Publicity gelten.

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Was wurde bei den Booten nun an Neukonstruktionen vorgestellt und wo waren die eigentlichen Leckerbissen der Bootsdesigner? Nein, in dieser Hinsicht bot die Meisterschaft weitgehend Normalkost Naturlich viel diskutiert und fotografiert wurde das der "Bone" ähnliche Leichtboot von J Elmaleh Man sah ihm an, daß es bei wenig Wind nicht viel Konkurrenten zu furchten haben wurde. Hier wäre ohne Zweifel ein Vergleich mit den Konstruktionen z B. der Chinesen (teilweise wohl ebenfalls nur 2 Kilo Blei) von Interesse gewesen, vielleicht kommt es dazu aber in Berlin Ansonsten viele alte Bekannte einige „No Secretc", ein Original-Skalpel eines Hollanders, das WM-Boot 1986 von P Jahan, jetzt von einem Schweden gesegelt J. Cleave diesmal mit einem kanadischen Boot mit konventionellem Rigg uberhaupt haben die Swing-Riggs in diesem Jahr nicht eine so entscheidende Rolle gespielt, wie es 1986 in Fleetwood den Anschein hatte.

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Die franzosischen Segler, naturlich wieder mit exzellentem Bootsmaterial, belegten ihre vorderen Platze mit Jahan und Lucas-Konstruktionen Die Veranstalter hatten diesmal auch eine Konkurrenz fur das schonste, handwerklich sauberste und im Gesamteindruck gelungenste Boot ausgeschrieben. Der Gewinner aus dem franzosischen Team erhielt verdientermaßen den Sonderpreis fur sein aus Bleistift-Zeder gebautes Boot, eine "Cedar-Club" von P. Lucas

Aus der Ergebnisliste ist im übrigen zu ersehen, daß eine Reihe von Namen der bekanntesten Spitzensegler fehlt, sowohl aus England und Frankreich, als auch aus Schweden oder der Bundesrepublik Deutschland. Dieser Umstand ist als solcher vielleicht gar nicht mal so bedauerlich, kommen dadurch doch auch einmal neue Namen in die vorderen Ränge. Was ich bedaure, ist das Ungleichgewicht bei den Zuteilungs-Quoten, ein Umstand, der immer wieder auffällt und auf lange Sicht gesehen einer Änderung bedarf. Was wäre gewesen, wenn im Vorgriff auf 1988 das einzuladende NAVIGA-Kontingent beispielsweise auf 10 erhöht worden wäre? Bei rechtzeitiger
Bekanntgabe hätte ich mir neben weiteren nauticus-Mitgliedern auch die Teilnahme einiger DDR-Segler vorstellen und wünschen können.

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Hier tut sich allerdings die ansonsten so weltoffene große Organisation der IMYRU immer noch recht schwer. Gerade wir DSV-Segler (und
gleichzeitige nauticus-Mitglieder) sollten nicht nachlassen, immer wieder auf diesen wunden Punkt hinzuweisen.

Für unser bundesdeutsches Team war das Ereignis ERMC '87 natürlich als Lehrstück für die gemeinsame Weltmeisterschaft im nächsten Jahr wichtig. Was können für Schlüsse gezogen werden, was sollte man besonders beachten, um vielleicht auch das eine oder andere zu ändern oder zu verbessern? Es würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen, alles aufzählen zu wollen, was uns aufgefallen ist. Aber vormerken und bedenken sollte man sicherlich einiges.

Natürlich gab es in 's-Hertogenbosch auch das eine oder andere, was wir vielleicht nicht für so gut befanden. Aber das wird bei jeder großen Regatta so sein und kann im Falle der zweiten ERMC den so positiven Gesamteindruck, den wir mitgenommen haben, nicht schmälern. Darum auch an dieser Stelle der Modell-Yacht-Vereinigung Spaarnwoude, ihren Mitgliedern, dem Vorstand und den vielen fleißigen Helfern
nochmals Anerkennung und ein herzliches Dankeschön.

 

logosmOriginal erschienen in der Zeitschrift Schiffsmodell  des Neckar-Verlags 9/1987 Autor: Horst Krönke.
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