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Alljährlich, seit nunmehr 17 Jahren, findet in der Christi-Himmelfahrtswoche die sehr bekannte und beliebte Wolfgangsee-Segelwoche statt. Mittlerweile hat sie sich wohl zur weltweit größten Modellsegelregatta entwickelt. Es handelt sich dabei nicht um eine Meisterschaft, sondern um eine Freundschaftsregatta für jedermann mit gewissem Urlaubscharakter.

Nachdem in der SM zuletzt 1982 über diese Veranstaltung berichtet worden war, ist es vielleicht einmal wieder Zeit, darüber etwas zu erzählen.

1991_wolfgang_1Erfolgreich routinierter Veranstalter ist die Familie Kukula. Seit einigen Jahren verfügt man über einen spez. Start- und Schiedsrichterturm, aufgebaut auf einem Autoanhänger, der einmalig ist und für einen optimalen Regattaablauf sorgt. Auch startende Segler würden sich über so eine erhöhte Startplattform sehr freuen, da dann ein sehr viel besserer Überblick über den Kurs gegeben ist. Zum Ort brauche ich nichts zu sagen, der Wolfgangsee im Salzkammergut dürfte vielen bekannt sein, nicht zuletzt auch durch die letztjährige Weltmeisterschaft der Naviga (SM 11 /90).

Das Besondere an dieser Veranstaltung ist ihr familiärer, freundlicher Urlaubs-Charakter, sofern man es als familiär bezeichnen möchte, wenn Papi (fast nie Mami oder Kind) den ganzen Tag am Wasser verbringen darf, um Schiffchen fahren zu lassen. Wenn das Wetter wenigstens freundlich ist, dann kann sich ja der Anhang in der sehr schönen Gegend umtun. Wenn es aber regnet, naja ... Obwohl die meisten Teilnehmer diese Woche als Urlaub ansehen, wird trotzdem sehr ehrgeizig gesegelt. Der Veranstalter bietet dazu ein umfangreiches Programm: Neben den reinen, normalen Dreiecksregatten gibt es nachmittags Wanderregatten (mit extra Wertung) sowie diesmal vor Beginn der M-Hauptregatta eine spaßige M-Teamregatta. Die Wanderregatten haben eine Start/Wendeboje-Entfernung von etwa 900 m. Die gesamte Seebreite (200 m) wird als Startlinie genutzt, allerdings liegen Wendeboje und eine Zwischenboje recht dicht unter Land.

Das Ufer ist weitgehend begehbar, einige Hindernisse und bei entsprechendem Wind die Bootsgeschwindigkeiten erfordern allerdings schnellen Laufstil ...

Also Abwechslung vom gewöhnlichen Wettbewerbseinerlei. Stets ist auch für ein schönes abendliches Rahmenprogramm gesorgt.

1991_wolfgang_2Ausgetragen werden alle drei Naviga-Segelklassen , also E, M und 10 R. Dieses Jahr hatte man eine Rekordbeteiligung von insgesamt 118 Booten aus sechs Nationen: Schweden, Jugoslawien, Italien, Schweiz, Österreich und Deutschland.

Die größten Teams in allen drei Klassen wurden von Deutschland gestellt.

Schade, dass nicht auch noch andere nahe liegende Länder vertreten sind , dann wäre es fast eine Freundschafts-Europameisterschaft, an der jeder teilnehmen kann.

Begonnen wird mit der 10 R-Regatta, die zwei Tage gesegelt wird. Die 29 Starter waren in zwei Gruppen aufgeteilt, die Einteilung erfolgte generell nach dem italienischen Wertungssystem. Bei zumeist frischem Wind und kühlem, nassem Wetter wurden 14 Durchgänge gesegelt, die ruhig verliefen - bis auf einen A-Lauf, in dem nach einer Mittagspause derart chaotisch gesegelt wurde, daß der Regattaleiter H. Kukula daraufhin vorsorglich für die restlichen Tage die Mittagspausen strich. Außergewöhnliche Boote gab es nicht. Auch in dieser Klasse wird vereinzelt mit dem Swing Rig experimentiert.

1991_wolfgang_3Am Dienstag war dann die E-Klasse dran. Für diese Klasse sind eigentlich zwei Tage angesetzt, wenn es mehr als 20 Teilnehmer gibt. Das war diesmal mit 14 Seglern wieder nicht der Fall. Warum nur so wenig? Nun, wer "nur" ein E-Boot hat, der hat wahrscheinlich keine Lust für ein oder zwei Tage mitten in der Woche an den Wolfgangsee zu reisen, um an einer Regatta teilzunehmen. Ob ein anderer Tag, z.B. am Wochenende das ändern würde, wage ich zu bezweifeln. Die E-Klasse wird m.E. mehr zu Hause oder in naher Umgebung gesegelt, eine größere Reisetätigkeit ist hier bisher nicht festzustellen. Die hier startenden Segler traf man übrigens auch alle noch in den anderen Klassen an. Man traf sich morgens um 10 Uhr und wartete erstmal bis 13 Uhr vergeblich auf Wind, der sich dann nur leicht bis mäßig blicken ließ. Sechs Läufe wurden gemütlich absolviert, darauf dann zwei Wanderregatten, die G. Jungmann mit ein bisschen mehr Glück gut gewonnen hätte. Auch hier nichts Erwähnenswertes über neue Boote, zwei Drittel waren alles MINI-CEDAR/MIRAMARE-Varianten.

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Am Mittwoch dann erstmals die M-Team-Regatta. Die 45 Teilnehmer wurden in 5 Teams a 9 Mann aufgeteilt. Jedes Team erhielt eine Teamfarbe, die die Mitglieder durch entsprechende Bändsel am Achterstag den anderen sichtbar machten. Innerhalb eines Teams durfte jegliche Hilfestellung untereinander gegeben werden, bis auf Austauschen von Booten oder aktives Eingreifen ins Steuern. Passives Eingreifen, z.B. ein Segler und ein "beratendes" Teammitglied war erlaubt. Gesegelt wurde dann ganz normal italienisch in vier Gruppen. Die endgültige Einzelplatzierung war hier fast völlig nebensächlich, Hauptsache das eigene Team schlägt die anderen. Und so war es auch eine spaßige, interessante Angelegenheit, die wohl allen Teilnehmern neue Erkenntnisse gebracht hat. Knallhart wurde dabei nicht gesegelt, z.B. habe ich nicht beobachten können, dass ein Teammitglied mit einem Konkurrenten einfach mal rigoros an der Boje vorbeisegelt, um andere Mitglieder nach vorne zu bringen. Wer diese Regel nicht kennt, der würde dann wohl erstmal laut schreien, und das wollte keiner.

Beim Ergebnis zeigte sich, daß die einzelnen Teams wohl relativ gleichmäßig gemischt waren (Losverfahren), denn die Punktabstände waren recht gering. Diese Regatta wurde übrigens auch von Petrus akzeptiert, denn er ließ sogar die Sonne etwas raus.

Sonst war er diese Woche uns Seglern offensichtlich nicht sehr wohlgesonnen, denn Kälte, Regen, Flaute oder viel Wind sind nun nicht gerade ein Traumwetter und erinnerten unangenehm an die vergangene WM.

Am Donnerstag traten dann 75 Segler zur "1. Inoffiziellen Deutschen Meisterschaft der Klasse M mit ausländischer Beteiligung auf fremdem Boden" an, wie es H. Kukula bei der Eröffnung recht treffend formulierte. Leider fand ja zeitgleich bei Frankfurt unsere Deutsche M-Meisterschaft statt , was einige von uns zwar vor die Qual der Wahl stellte, sich auf die Wolfgangsee-Regatta allerdings nicht auswirkte.

75 Segler sind schon eine nicht ganz kleine Zahl. Da nur einer ganz vorne landen wird, gab es eine B-Liga-Wertung als Anreiz. Alle, die nach zwei Durchgängen hinter Platz 30 lagen, wurden automatisch Teilnehmer der B-Liga. Gewinner war dann derjenige, der sich zum Schluß in diesem Feld am besten platziert hat, unabhängig von seiner Gesamtplatzierung.

Kukula-typisch wurden trotz der hohen Teilnehmerzahl nur vier Gruppen a 1 x 18 und 3 x 19 Boote gebildet. Da ging es manchmal schon recht eng zu, besonders da die Startlinie nicht die Längste ist und die Boote darüber hinaus auch in einem spez. Vorbereitungsraum zum Start segeln mußten.

Bei leichtem Wind erfolgten drei Durchgänge, anschließend eine Wanderregatta mit 40 Booten. Das war ein schönes Bild! Abends ging es in die Pfarrkirche von Wolfgangsee, und dort haben wohl einige mit Petrus ein ernstes Wort gesprochen ...

1991_wolfgang_5Der folgende Tag empfing uns dann nämlich ausgesprochen stürmisch (immerhin Wind!) und naßkalt. Zwar ließ er im Verlauf an Stärke nach, aber trotzdem gab es erstmalig in all den Jahren gleich vier Untergänge, noch dazu an einem Tag! Davon wurden drei Boote buchstäblich in allerletzter Minute z.T. bereits im Davonschweben gerettet, ein Italiener ging jedoch für Stunden auf Grund. Glücklicherweise relativ dicht am Ufer, so daß herbeigerufene Taucher nach kurzer Zeit fündig wurden. Ursache waren immer gröbere Rempler durch überforderte Segler verbunden mit Leichtbau oder großflächigen Foliendecks. An dieser Stelle vielleicht die Anmerkung, daß die Boote allgemein zwar materialtechnisch immer aufwendiger (und teurer) werden, einige Segler es aber an der Übung mit diesen dadurch nicht   unkomplizierten, z.T. sehr empfindlichen Geräten und den Segelregeln fehlen lassen.

Trotz wirklich genügend Wind gab es wieder nur drei Durchgänge (plus zwei Wanderfahrten). Hauptsächlich waren daran einige Teilnehmer schuld, die trotz namentlichen Aufrufs in den falschen Gruppen starteten bzw. nicht starteten und dadurch den Ablauf verzögerten. Protestverhandlungen gab es während der ganzen Woche übrigens nur eine.

Der Sonnabend brachte fast nichts! Nur Flaute , kein einziger Wertungslauf den ganzen Tag. Am frühen Nachmittag waren wir dann so frustriert, daß zum "Spaß" zu einer Dümpel-Wanderregatta aufgerufen wurde. In zwanzig Minuten konnten die 29 Boote immerhin etwa 50 m mit Rückenströmung abtreiben, dann kam doch hin und wieder ein leichter Windhauch (zu kurz für vernünftige Wertungsläufe). Sogar eine zweite Wanderregatta wurde durchgeführt, verlief aber bald in strömendem Regen. Womit hatten wir das verdient?

Sonntag dann mit Ach, Krach und Dauerregen noch ein weiterer, siebter Durchgang; die B-Gruppe wurde dabei zweimal wegen Flaute abgebrochen.

Bootstechnik: Im deutschsprachigen Raum dominiert mittlerweile eindeutig Walickis High-Tech-Material. Seine drehbaren Profilmasten gehören nun schon zum  gewohnten Standard. Die 12 Italiener, einige Schweizer und Österreicher setzen dagegen auf das Swing Rig. Zwei Segler experimentierten mit einer Kombination von Drehmast und Swing Rig. Die Renaissance des festen Fockbaumbeschlages ist ungebrochen. Verschiedene Konstruktionen waren zu sehen (s. SM 5/91).

Einige super-schmale Rümpfe (Breite < 20 cm) waren neu und z.T. sehr schnell.

Aber trotzdem reichte auch ein "antiquiertes" Yachtkonzept (4 Jahre alt, feste Rundmasten m. Keep [Igitt?], Pendelfock und nur 64% Ballastanteil) zum dritten Platz.

1991_wolfgang_6Bei der Siegerehrung sahen alle dann aber doch irgendwie zufrieden aus: Man hatte es geschafft. Hervorheben möchte ich den 35. Platz des achtjährigen (!) Italieners Diego Fondas . Er segelte in allen drei Klassen und konnte sich mit etwas Unterstützung seiner mitsegelnden Eltern trotz Verständigungsproblemen im Feld ausgezeichnet durchsetzen. So kompliziert kann Regattasegeln also auch wieder nicht sein, und in dieser Form war es sogar Familiensport!

Da die Prospektbilder die Gegend in schönstem Sonnenwetter zeigen - es muß also auch mal gutes Wetter geben - , wird nächstes Jahr Ende Mai kaum mit geringerer Beteiligung bei der 18. Wolfgangsee-Segelwoche zu rechnen sein.

 

logosmOriginal erschienen in der Zeitschrift Schiffsmodell  des Neckar-Verlags 7/1991 Autor:Thomas Dreyer. Sollten hiermit irgendwelche Rechte verletzt werden bitte melden. Ich werde dann den Artikel sofort entfernen.

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