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Geheimtip für 10R-Segler

schwarzsee_1Die in Deutschland bekannteste Klasse ferngesteuerter Segelyachten ist die der M-Boote. Stark im Aufholen ist auch die IOM-(1 Meter-) Klasse, in manchen Ländern (z.B. in Großbritannien) soll diese inzwischen sogar schon am weitesten verbreitet sein.

Die 10R-Klasse führt dagegen ein Schattendasein und ist eher von weiterem Rückgang bedroht. Woher dieser Zustand kommt und wie man dem abhelfen kann, soll Gegenstand dieses Artikels sein.

Zunächst sei festgestellt, daß ich begeistert und gerne auch M-Boot-Regatten fahre. Die M-Boote sind schnell und wendig, es ist aber auch die Klasse, bei welcher die Segler den meisten Streß machen und haben. Aus diesem Grunde zogen sich manche auf die 1 m-Boote zurück oder wollen von der kleinen Klasse erst gar nicht weg. Inzwischen soll es aber auch dort schon zu größerer Hektik kommen, und wenn ich das deutsche Ergebnis bei der letzten Weltmeisterschaft in Malta betrachte (siehe Beitrag in SM 6/99), werde ich in meinem (Vor-) Urteil über diese Klasse bestätigt.

Aber eigentlich geht es mir gar nicht darum, die "Kleinen" schlecht zu machen, vielmehr ist es mein Ansinnen, die 10-Rater als die Königsklasse, die Formel 1 der Modell-Yachten wieder bekannter zu machen. Der wahre Freak, der einmal das majestätische und ruhige Dahingleiten bei vollem speed am Steuerknüppel erlebt hat, kann mit der hippeligen Fahrweise kleinerer Klassen nur noch wenig anfangen. Diese souveräne Fahrweise überträgt sich anscheinend auch auf die Skipper, denn deren sportliches und kameradschaftliches Verhältnis ist noch in Ordnung.

schwarzsee_2Das einzige Argument, welches ich in einem gewissen Umfang gegen die 10-Rater gelten lasse, ist das Transportproblem. Aber auch das gilt nur bedingt, denn in einem Mittelklasse-Kombi wurde eine 4-Personen-Urlaubsfahrt mitsamt 1,55 m langem 10-Rater (die heutigen Boote sind meistens um 1,40-1,45 m) überstanden.

Auch andere Argumente, wie schwierige Vermessung oder hohe Anschaffungskosten, könnte ich aus 20jähriger Erfahrung widerlegen.

Dieses Jahr (Stand Juni 1999) habe ich schon an vier 10R- Regatten teilgenommen: München, Pichlinger See, Wolfgangsee und zuletzt am Schwarzsee in der Schweiz. Alles waren großartige Veranstaltungen, aber besonders gut gefallen hat mir die Regatta am Schwarzsee. Diese findet immer am Wochenende nach Fronleichnam statt, beginnend am Freitag, und sie endet am Sonntag Mittag.

2 1/2 Tage segeln pur, mehr als 40 Läufe! Weil diese Regatta noch ein Geheimtip ist, waren wir nur 8 Segler. Wann erlebt man schon einmal eine Regatta mit 42 Durchgängen? Bei einer Weltmeisterschaft schafft man die noch nicht einmal in einer Woche!

Zudem gibt es am Schwarzsee ein uriges, nicht zu teures Hotel (Hotel Gypsera mit dem Charme der zwanziger Jahre), und der Parkplatz des Hauses ist zugleich die Startstelle. Drum herum eine tolle Gebirgslandschaft, hinter dem Haus die Bergbahn, Wander-Wege und abends eine sehr gute Küche, einfach alles, was auch die begleitenden Nichtsegler/innen erfreut.

schwarzsee_4 

Der Schwarzsee liegt ca. 30 km von Fribourg entfernt auf etwa 1100 m Höhe. Wer noch die Regatten in Champex kennt, kann die Schwarzsee- Regatta als würdige Nachfolgerin betrachten.

Ausgerichtet wird sie vom MYC Zürich, hauptverantwortlich ist Benni Wittlin, ausgetragen wird sie als offene Schweizer Meisterschaft.

Wie gesagt, bei der diesjährigen Regatta waren erst 8 Segler am Start. Diese lieferten sich bei gutem bis frischem Wind harte, aber faire Kämpfe.

Die interessantesten Boote und Skipper waren:

Werner Gerhardt, GER 97
Mit einem alteren Walicki-Boot, modernisiert durch eine moderne Walicki-Flosse und mit einem Ballastgewicht von ca. 3,6 kg. Dies ist eine sehr konkurrenzfähige Kombination, die sich jeder Interessierte selbst zusammenbauen kann. Auf dem Gebrauchtboote-Markt gibt es so manches ältere Boot für relativ wenig Geld; der Anschaffungspreis darf bei etwas Phantasie und lnitiative kein Kriterium sein.

Kurt Lehmann, SUI 12
Kurt hat diese lnitiative gezeigt und für 400 Franken (!) einen 10-Rater mit Segeln von Claude Momo gekauft. Claude war bis vor einigen Jahren ein sehr guter Segler, seither verstaubte aber sein Boot in irgendeinem Schuppen. Obwohl Kurt das Boot noch nicht gut kannte, war er in manchen Läufen extrem schnell. Bei dem Boot handelt es sich um die "Very Easy" des Weltmeisters von 1991, Paul Lucas aus Frankreich. Der Verfasser und Sieger der Regatta fuhr den gleichen Rumpf, den er vor Jahren von Oazl Luca für FF1500,- (ca. DM 450,-) gekauft hat.
Wie man sieht, muß man nicht immer das Neueste und Teuerste haben, um schnell zu sein.

schwarzsee_3Benni Wittlin, SUI 8
Helmut Lupart, SUI 82
Fuhren ebenfalls ältere Konstruktionen vom vielfachen Meister Helmut Lupart. Da beide z.Z. aber keine große Regattapraxis haben, fuhren sie etwas hinterher Die Boote selbst sind aber immer noch eine Augenweide

Walter Piel, GER 404
hatte einen brandneuen echten Bantock-10-Rater dabei: ein langes schmales Boot mit ebenso langem und schmalem Bleiballast von lediglich Ca. 3,6 kg Richtig eingefahren sicherlich ein extrem schnelles Boot, vom Design und der Ausfuhrung her erste Sahne Der Anschaffungspreis ist hoch, aber durchaus berechtigt, wenn man selbst nicht bauen, aber schnell und konkurrenzfahig dabei sein mochte.

Ich wurde mich freuen. wenn ich nun dem einen oder anderen den Mund wässrig machen konnte Sollten meine Ausführungen kritische, zustimmende oder ablehnende Reaktionen hervorgerufen haben, so waren diese qewollt und können in einem Telefongespräch oder Briefwechsel gerne vertieft oder geklärt werden.

Bei einer beabsichtigten Regatta-Teilnahme-Anmeldung im Jahre 2000 bin ich selbstverständlich behilflich.

Ergebnisse Swiss Open 10-Rater 1999

1. Gerhard Schmitt GER 61
2. Werner Gerhardt GER 97
3. Kurt Lehmann SUI 12 
4. Benni Wittlin SUI 8
5. Helmut Lupart SUI 82
6. Walter Piel GER 404

logosmOriginal erschienen in der Zeitschrift Schiffsmodell  des Neckar-Verlags 8/1999 Autor:Gerhard Schmitt. Sollten hiermit irgendwelche Rechte verletzt werden bitte melden. Ich werde dann den Artikel sofort entfernen.

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