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Geheimtip Champex

1978_champex77_1Nun, so geheim war er eigentlich nie. In allen Veranstaltungskalendern konnte man es lesen: „8. bis 13. August - Internationale Segelwoche Champex." Ich hatte es auch gelesen und wollte es einmal wissen. Die Anreise ist zwar etwas weit, von Kiel bis Champex rund 1500 Kilometer. Um es vorweg zu nehmen - ich habe es nicht bereut. Eine Woche Segelferien in herrlicher Umgebung mit vielen guten Seglern, einigen Anfängern und auch einigen Experten. Aber obwohl wir uns nicht immer verstehen konnten und alle Konkurrenten waren, am Ende der Woche waren alle 30 Teilnehmer gute Freunde.

Champex liegt etwa 20 km südlich von Martigny in der französischen Schweiz. Es ist ein gut besuchter Urlaubsort in etwa 1500 m Höhe mit einem klaren See. Abgehärtete können dort baden und die Angler kommen auf ihre Kosten. Man macht es ihnen aber auch leicht. Am Abend vor einem Angelwettbewerb fuhr ein großer Lkw an den See und viele Zentner Forellen wurden in den See gesetzt. Von Champex ist es nicht weit an den Genfer See oder nach Frankreich zum Mont Blanc.

Der Initiator der Segelwoche, Herr Pierre Sordet, führt in Genf ein Spielwaren- und Modellbaugeschäft und ist selbst versierter Modellsegler. Mit nur zwei Helfern organisiert er seit 8 Jahren vor der Segelwoche einen Wochenend-Wettbewerb und anschließend „zur Erholung" die Segelwoche. An dem Wettbewerb am Wochenende teilzunehmen ist nur ratsam, wenn man die französische Sprache etwas beherrscht oder jemand dabei hat, der die Ansagen übersetzt. Wie bei jedem Wettbewerb geht es etwas hektisch zu und auf Fremde wird dann wenig Rücksicht genommen. Das ist aber am Montag alles vorbei. Auf einmal gibt es auch deutsche Ansagen, auf Langschläfer wird gewartet und alles ist sehr gemütlich und jeder hilft jedem. In diesem Jahr waren außer den Schweizern Franzosen, Holländer, ein Amerikaner und natürlich auch Deutsche am Start. Gesegelt wird nach einem eigenen System. Außer der Startlinie liegen noch drei Bojen im See. Der Kurs wird vor jedem Lauf neu angesagt, ganz nach Windstärke und Windrichtung. Der kürzeste Kurs ist etwa 200 m lang und der längste etwa 600 m. Dazu kommt jeden Abend eine Wanderregatta über die ganze Länge des Sees. Bei viel Wind muss man tüchtig laufen, denn der Uferweg schlängelt sich um jede Bucht. Wenn aber die Abendflaute einsetzt, bevor man es geschafft hat, fragt man sich manchmal, ob man noch zum Abendessen zurechtkommt. Überhaupt sind die Windverhältnisse sehr unterschiedlich, so dass die Chancen für alle Teilnehmer gleich groß sind. Auch das beste Boot nützt nichts, wenn man in einem Flautenloch hängen bleibt. Da der Wind aber selten über 4 bis 5 m/Sek. aufbraust, sind leichte Boote im Vorteil. 1978_champex77_2Das in diesem Jahr angetretene Bootsmaterial der M-Klasse war sehr gut. Etliche Flipper - mit hohem Rigg waren sie immer im Spitzenfeld - einige Schweizer Tucan -sehr breit und flach gehalten - eine 247, eine Windy, die überraschenderweise immer in der Spitze mitmischte, drei Thyen-Rümpfe, die, wie bekannt ist, sehr schnell sein können und verschiedene Eigenbauten. Unter den Eigenbauten fiel besonders das Boot des Züricher Bootsbauers Lupart auf. Er wurde zwar nicht Sieger, sondern der Schweizer v. Bergen mit einem Thyen- Boot lag ganz vorn, aber auf allen Kursen waren sich v. Bergen und Lupart ebenbürtig. Nur war das Lupart-Boot (Z 82) von so einem hervorragenden Finish, dass jeder Fachmann seine Freude daran hatte. Herr Lupart arbeitet in einem Züricher Institut für Flugzeugstatik und Leichtbau und hat natürlich alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um ein hervorragendes Boot zu bauen. Seit zwei Jahren entwickelt er systematisch einen Rumpf immer weiter. Die fünf Rümpfe z. B. auf dem Bild sehen sich zwar alle ähnlich, aber doch sind alle verschieden. Der Rumpf ist aus Kevlargewebe mit Epoxydharz und lackiert, weil eine Lackierung leichter ist als eine Gelcoatschicht. In der Lackierung spiegeln sich die anderen Boote (s. Bild).

1978_champex77_3Aber das beste Boot ist ohne ein gutes Rigg nichts wert. Bei Z 82 stimmt alles. Der Mast ist drehbar und sehr steif aus Kohlenstoff-Rowings hohl hergestellt. Die Bäume ebenfalls aus Kohlenstoff. Die Beschläge aus Alu sind alle kugelgelagert. Die Wanten werden in Rutschern gefahren und sehr stark durchgesetzt, so daß der leicht vorgebogene Mast durch den Zug der Wanten wieder gerade ist. Die Segel sind aus 130 g Dacron mit geringem Bauch geschnitten und . . . geklebt. Auch die Verstärkungen. Nur das Vorliek ist hinterher noch einmal durchgenäht. Die Schotbrücke auf dem Achterdeck hat den Zweck, den Großbaum bis genau mittschiffs holen zu können. Das Horn am Fockbaum ist eine Notlösung und soll verhindern, daß sich die Fockschot am Baum aufhängt. Alles zusammen macht einen harmonischen und sauber abgestimmten Eindruck und das Boot lag auch in der Hand eines Anfängers immer auf den ersten Plätzen. 1978_champex77_4Aber auch viele der anderen Boote hatten ausgezeichnete Beschläge - wie das Boot von Herrn Schulz aus Gießen. Kein Wunder, er ist ja der Hersteller der Pekabe-Beschläge, die jetzt in vernickelter Ausführung mit schwarzem Kunststoff noch besser aussehen. Auch eine neue Mastschiene und Wantbefestigung waren montiert. Dazu Schoten mit farbiger Kennung und Wanten aus Nirostastahldraht. Auch die farbigen Segel an diesem Boot waren sehenswert. Pekabe liefert neuerdings auch Segelstoffe in vielen Farben.

Um all das und überhaupt gute Boote zu sehen, muß man allerdings nicht unbedingt in die Schweiz fahren. Aber eine internationale Segelwoche mit vielen neuen Freunden gibt es nur in Champex. Übrigens auch der Letzte bekam einen Preis - aber um den ging es ja gar nicht. Und um den geht es keinesfalls in der nächsten Segelwoche vom 7. bis 12. August 1978.

logosmOriginal erschienen in der Zeitschrift Schiffsmodell  des Neckar-Verlags 3/1978 Autor:F.K.Ries. Sollten hiermit irgendwelche Rechte verletzt werden bitte melden. Ich werde dann den Artikel sofort entfernen.

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