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Wie alle schönen Märchen, so müsste auch eine Champex-Story mit ,,Es war einmal . . . " beginnen: Es waren einmal einige segelbegeisterte Schweizer Modellbauer, die entschlossen sich, an einem etwas ungewöhnlichen Platz -nämlich im Wallis, in der Französischen Schweiz - auf einem idyllisch gelegenen Bergsee, 1 500 m hoch, Modellsegel-Regatten durchzuführen.

Inzwischen sind viele Jahre vergangen. Was noch vor geraumer Zeit als „Geheimtipp Champex" apostrophiert wurde, kann nun fast schon als „europäische Institution" der Modellsegler bezeichnet werden. In jedem Jahr; treffen sich hier Anfang August Segler aus der Schweiz, Frankreich, Österreich und Deutschland, um Regatten zu segeln und unterschiedliche Konkurrenzen auszutragen. Wir haben, wie der Leser vielleicht weiß, schon einige Male darüber berichtet.

1981_champex_1Das ,,Ereignis Champex" besteht, genau genommen, aus drei Regatten: dem ,,Challenge T.M.R.", bei welchem an zwei Wochenendtagen ein Wanderpreis ausgesegelt wird; der internationalen Segelwoche, jeweils von Montag bis Samstag, also über 5 Tage (1 Tag ist segelfrei); und zusätzlich aus einer Wanderregatta, die mit allen teilnehmenden Booten (!) während der Segelwoche jeweils nachmittags rund um den See gesegelt wird. Wie man sieht, ein volles Programm. Es ist einleuchtend, dass ein so attraktiver Wettbewerb für viele Modellsegler einige Zugkraft besitzt. Das Stichwort „Geheimtipp Champex" trifft darum auch kaum noch zu. Im Gegenteil: Die rührigen Veranstalter stehen vor der nicht leichten Aufgabe, Organisation und Ablauf für fast 50, teilweise weit angereiste Teilnehmer, über 8 Tage sicher durchzuführen. Und dabei wäre die Teilnehmerzahl vielleicht noch höher, wenn nicht heute steigende Kosten und hohe Benzinpreise automatisch ein gewisses Limit setzen würden.

1981_champex_2Wir haben es vor einem Jahr schon geschildert (Heft 2/80): Verantwortung und Durchführung liegt in den bewährten Händen von zwei engagierten, (ich darf das sagen) älteren Herren, Pierre Sordet (62) aus Genf und Victor Guhl (78) aus Zürich, abwechselnd unterstützt von einigen Helfern mit Beobachter- und Schiedsrichter-Funktion.

Champex '81 fand vom Samstag, den 8. August bis Samstag, den 15. August statt. Am „12. Challenge T.M.R. (Tous Modèles Réduits)", 8./9. August, nahmen 47 Segler teil. Vielleicht von einigem Interesse: 18 Segler kamen aus der Schweiz, 14 Teilnehmer waren aus Frankreich angereist, 3 aus Österreich und 12 aus Deutschland. Gesegelt wird für den Challenge ausschließlich die Klasse F 5-M nach Naviga-Regeln. In diesem Jahr in Gruppen von 3 x 12 und einmal 11 Booten. Qualifikationsrunden und Wertungsläufe nach dem Flottensystem mit Auf- und Absteigen der Erst- und Zweitplazierten in die jeweils höhere, bzw. niedrigere Gruppe. Das Besondere und dabei so Originelle der Champex-Segelei besteht aber in den unterschiedlichen Kursen, die über ein ausreichend großes Bojen-Dreieck gesegelt werden - So gibt die Startstellen-Leitung erst kurz vor dem Start jeder Gruppe den Kursverlauf bekannt. Alle Segler haben Kärtchen, auf denen „Parcours 8" oder „Parcours 12", insgesamt 16 verschiedene Kurse, eingezeichnet sind und nach denen man sich (sehr genau) orientieren muss.

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Die Wochenendregatta um den ,,Challenge T.M.R." fand bei zum Teil gutem Wetter statt, leichte, aber auch kräftigere Winde, zumeist aus Nord. Aber wir befinden uns in den Bergen. Dass hier auch mit sehr plötzlichen Wechseln gerechnet werden muss, erlebten die Segler am Sonntag, als aus Südwest urplötzlich eine Gewitter-Front mit rauschendem Regen und starken Böen heranzog. Regatta-Abbruch und Boote aus dem Wasser, war eins. Die Schäden an einigen Modellen hielten sich in Grenzen und waren mit ,,Bordmitteln" reparabel. Bis auf unseren österreichischen Segelkameraden, Dr. R. Stiegler, dessen Sender durch „Wassereinbruch" zum Totalausfall wurde.

1981_champex_3Liegt es nun an dem Schweizer Hausgewässer, an genauerer Kenntnis von Windeinfall und Flautestrichen, oder an besseren Booten und an besserem seglerischem Können der einheimischen Modellsegler? Am Ende der Regatta befanden sich von den 18 Schweizer Teilnehmern allein 5 unter den ersten 6, nur unserem deutschen G. Schmitt aus Ditzingen gelang mit seinem 4. Platz der Einbruch in die Schweizer Segel-Phalanx. Man sollte aber Fairerweise wohl anmerken, dass die Schweizer eben wirklich ihre Spitzen-Segler dabei hatten, was mit wenigen Ausnahmen für die deutschen Teilnehmer nicht unbedingt zutraf. Dies tut der sportlichen Anerkennung absolut keinen Abbruch, soll aber in etwa die Relationen zurechtrücken. Im übrigen, wie auch bei der nachfolgenden Segelwoche vom Montag, den 10. bis Sonnabend, den 15. August gilt in Champex nun einmal - und das in einer besonderen und erfreulichen Weise - das Dabei sein ist alles.

Die Ergebnisse des „12.Challenge T.M.R.":

1. Platz und Gewinner des Wanderpreises W. Uttinger, Schweiz
2. Platz H. Lupart, Schweiz
3. Platz M. Dubois, Schweiz

1981_champex_5Die „11. Semaine internationale de la Voile" startete am Montag, den 10. August mit der abschließenden Gruppeneinteilung, die sich am Sonntag aus der Regatta um den „Challenge T.M.R." ergeben hatte. In diesen vier Gruppen traten 45 Segler an, 14 aus der Schweiz, 13 aus Frankreich, 3 Österreicher und 15 deutsche Teilnehmer.

Und auch hier wieder typisch für die Originalität der Champex-Regatten: Segeln soll nicht zum Stress werden, zumal viele Aktive den Aufenthalt mit ihren Familien gleichzeitig als Urlaub betrachten und Wanderungen oder Besichtigungen unternehmen wollen. Also segeln die Teilnehmer nach einem ausgeklügelten System jeden Tag nur einmal in ihrer Gruppe und absolvieren dabei hintereinander 4 oder 5 Läufe, wiederum in unterschiedlichen Kursen. Das Tagesergebnis jedes einzelnen entscheidet dann über Gruppenverbleib, Auf- oder Abstieg. In den 5 Tagen der Segelwoche kann sich dann so allerlei verschieben und ändern, je nach Leistung, Können und der benötigten Portion Glück.

Die Konstanz der Spitzensegler erwies sich allerdings auch hier wieder, das Gesamtergebnis am Abschlusstag, Samstag, 15. August, bringt keine Überraschungen und zeigt bekannte Namen:

1. Platz und Gewinner der Segelwoche Champex 1981 H. Lupart, Schweiz
2. Platz G. Schmitt, Deutschland
3. Platz W. Uttinger, Schweiz

Zu berichten ist jetzt noch über die eingangs erwähnte dritte Konkurrenz: die Wanderregatta, genannt „Bol d' Or", an welcher alle Segler teilnehmen können und bei der dann 40 oder mehr Modelljachten auf dem Wasser sind.

1981_champex_4Dass es bei der Bojenrundung Gedrängel gibt, kann bei der Vielzahl der Modelle nicht verwundern. Und trotzdem läuft alles wunderbar und ohne Schwierigkeiten. Die Segler mit dem Sender in der Hand ,,traben" am Ufer vor und wieder zurück; wie sie in dem ,,Wooling" ihr eigenes Boot noch heraus kennen, bleibt für den Zuschauer zunächst ein Rätsel. Ohne Zweifel hat aber besagter Zuschauer den größten Spaß und Genuss am Anblick des Feldes und beim Verfolg der einzelnen Aktionen

Sie sehen, lieber Leser, worauf es hinausläuft: Die Wanderregatta jeden Nachmittag ist ein Augenschmaus besonderer Art, der sportliche Wert kann sicherlich etwas niedriger angesetzt werden, was jedoch keine Schmälerung darstellt. Im Gegenteil: Ich kann mir kaum eine gelungenere Werbung für unsere Sportart vorstellen, als dieses Bild in sich aufzunehmen.

Der Wanderpreis „Bol d' Or", im letzten Jahr vom Schweizer Meistersegler Helmut Lupart gewonnen, ging 1981 an G. Schmitt, Deutschland. Unseren herzlichen Glückwunsch zu diesem Erfolg.

Champex '81 ist vorbei, eine kurze Nachbetrachtung sei erlaubt: Nur selten besteht für die Modellsegler ähnlich wie in Champex die Möglichkeit, ihr Hobby, ihren Sport so intensiv über volle 8 Tage zu betreiben; im wahrsten Sinne ,,Segeln total". Hinzu kommt die zauberhafte Umgebung, die imposante Bergwelt mit dem alles überragenden Grd. Combin (4317 m), sowie die freundschaftliche Atmosphäre des Segler-Völkchens; wer einmal die Champex-Regatten mitgemacht hat, wird immer versuchen zurückzukehren und erneut teilzunehmen.

1981_champex_7Ein Dank an dieser Stelle den Ausrichtern: Es ist so erfreulich, dass bei unserem gewohnten, zumeist recht aufwendigen Wettbewerbsbetrieb auch Veranstaltungen dieser Art mit einem Minimum an Organisation möglich sind, auch wenn vielleicht - als bescheidene Anregung - hier und da ein aufmerksames Schiedsrichter-Auge angebracht wäre.

Jeden Nachmittag, nach Abschluss des Gruppensegelns, läuft dieses Spektakel. Ja, es ist schon ein spektakuläres Bild, das sich dem Betrachter bietet. Glitzerndes Wasser, eine freundliche Sonne, Bergkulissen rundherum und davor die geblähten Segel der Modelljachten, scheinbar unentwirrbar in der Vielfalt von Formen und Bewegung. So streben sie in rascher Fahrt über eine Distanz von Ca. 500 m zur Wendeboje und dann zurück zur Ziellinie.

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logosmOriginal erschienen in der Zeitschrift Schiffsmodell  des Neckar-Verlags 10/1981 Autor:Horst Krönke. Sollten hiermit irgendwelche Rechte verletzt werden bitte melden. Ich werde dann den Artikel sofort entfernen.  

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