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Original erschienen m Jahrbuch des Deutschen Seglerverbandes 1937 Autor Chr.Aug. Beringer. Sollten hiermit irgendwelche Rechte verletzt werden bitte melden. Ich werde dann den Artikel sofort entfernen.

Nachdem schon im Winter 35/36 die Vorbereitungen für die ersten internationalen Modellsegelregatten in Deutschland getroffen waren, gingen im Frühjahr dieses Jahres die Einladungen zu denselben an alle Modellsegelsport treibenden Nationen hinaus. Es waren zwei Modellklassen ausgeschrieben worden, und zwar die internationale Modell-A-Klasse (Boote von ca. 2 m Länge über Deck und ca. 23 kg Gewicht) und die amerikanische Marblehead-Modell-Klasse 50 inches und 800 square inches (Boote von 1,270 m über Deck und 0,516 m² Segelfläche). Von jeder Klasse konnten von jeder Nation bis zu 2 Boote gemeldet werden.

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Start der beiden deutschen A-Boote (G4 "Niederelbe")
Man sieht auf diesem Bilde deutlich die neuartige Steuervorrichtung

Nachdem anfangs außer Deutschland Dänemark, England, Schweden, Schweiz und die Vereinigten Staaten von Amerika gemeldet hatten, wurden leider besonderer Umstände halber die Meldungen von der Schweiz und Schweden zurückgezogen, so dass die Rennen dann schließlich bestritten wurden von Deutschland mit den 2 A-Booten „Germania", Eigner Dr. Albrecht, Hamburg, und „Niederelbe", Eigner Segler-Vereinigung Niederelbe, Hamburg, und den beiden Marblehead-Booten „Sagitta", Eigner Hollatz, Berlin, und „Quick jun.", Eigner Stehr jun., Blankenese; von Dänemark mit dem Marblehead-Boot  „Henning", Eigner Thomsen, Kopenhagen; von England mit den zwei A-Booten „Najad", Eigner Oberst Holden, und „Fusilier", Eigner Oberst Dennistoun und dem Marblehead-Boot „Vectis", Eigner Daniels; von U.S.A. das  A-Boot „Blue Chip", Eigner Bithell, und das Marblehead-Boot „Cheerio", Eigner Black. Als Vertreter und Segler der drei fremden Nationen waren nach Deutschland gekommen von Dänemark die beiden Herren Svarrer und Thmsen, von England die vier Herren Oberst Holden, Daniels, Child und Smith, von U.S.A. die drei Herren Black, Bithell und Mansfield. Die neun ausländischen Herren waren während ihres Aufenthaltes in Hamburg Gäste des Deutschen Seglerverbandes und waren im Christl. Hospiz „Basler Hof", Esplanade, untergebracht. Die Rennen fanden in Hamburg vom 16. bis 20. August statt, und zwar waren vom Deutschen Seglerverband die Vorbereitung und die Durchführung derselben dem Bezirk 9 unter Leitung der „Seglervereinigung Altona-Oevelgönne" übertragen worden.

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Der Start des Siegers in der Marblehead-Klasse "Cheerio" (M 41).
Dahinter das deutsche Boot "Sagitta" das den zweiten Preis gewann. 

Um den Rennen ein besonderes Gepräge zu geben und das Interesse der Behörden daran zum Ausdruck zu bringen, wurde als erster und Ehrenpreis vom Senat der Freien und Hansestadt Hamburg für die A-Klasse die silberne Standplakette und vom Reichssportführer für die Marblehead-Klasse eine silberne Schale gestiftet.

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Zwei A-Klassen-Boote im Rennen 

Die größte Sorge bei den Vorbereitungen für die Rennen war die Beschaffung eines Teiches, denn nur unter dieser Voraussetzung war mit einer ausländischen Beteiligung zu rechnen. Der Großzügigkeit der Freien und Hansestadt Hamburg und insbesondere ihrer Hafenbehörde war es zu danken, dass für die Rennen ein Becken von den Ausmaßen 300x80 m zur Verfügung stand. Das Becken, welches infolge seiner Länge einen einwandfreien Sport versprach, hatte nur den einen Nachteil, dass es durch seine Lage oberhalb Hamburgs im sogenannten „Holzhafen" bei Moorfleeth auf wenig Zuspruch von Zuschauern rechnen konnte und daher ein großes werbendes Moment für den bei uns noch recht fremden Modell-Segelsport fortfiel. Die Umgrenzung dieses Segelbeckens bestand aus 2 m breiten schwimmenden Hölzern, auf denen Laufblanken lagen, die ein gutes Begehen gestatteten, so dass die Segler mit Sicherheit ihre Modelle bedienen konnten. Ein 30 m langer Ponton, auf dem die Flaggen der vier Nationen wehten mit darauf befindlichen Holzhäusern zur Unterbringung der Segler, Funktionäre und Modelle vervollständigte das Regattagelände.

1936_erste_int_3Colonel Holden fängt sein Boot nach beendetem Rennen mit dem Stock auf.

Nachdem schon am 13. August ein großer Teil der Regatta-Teilnehmer eingetroffen war, begann am 14.August das Einsegeln der Modellboote auf dem Becken. Die ausländischen Boote der A-Klasse, welche schon die Rennen in Gosport (England) Anfang August gesegelt hatten, waren von Anfang an in vorzüglichem Trimm, und es galt für die Ausländer eigentlich nur, sich mit den Eigentümlichkeiten des Beckens bekannt zu machen. Anders sah es mit unseren deutschen Booten aus, welche als diesjährige Neubauten erst recht spät fertig geworden waren und außerdem infolge des bei uns noch bestehenden Mangels an fixen Modell-Seglern mit der erforderlichen freien Zeit von einer Hand in die andere gegangen waren, was besonders bei der „Germania" der Fall war, so dass die deutschen A-Boote kaum getrimmt in die Rennen gingen. Dieser Umstand fiel doppelt ins Gewicht, da wir mit der Windsteuerung - die Ausländer hatten im Gegensatz dazu die schon alt bewährte Schotensteuerung - noch in den Kinderschuhen stecken und daher während der Rennen viel Lehrgeld zahlen mussten. Es könnte hier vielleicht gefragt werden, warum wir nicht auch mit der alten bewährten Schotensteuerung in das Rennen gegangen sind. Darauf ist zu erwidern, dass für uns Neulinge auf dem Gebiete des internationalen Modellsegelsportes auch diese Steuerung erst ein Einlernen erforderlich gemacht hätte, so dass wir lieber gleich von Anfang an zu der neuen Steuerung griffen, die wir für besser hielten und die besonders am Wind Aufgaben zu lösen vermag, bei denen die Schotensteuerung versagt. Die Resultate der Rennen haben uns in unserer Ansicht bestärkt, wenn auch eine Hamburger Tageszeitung in jugendlicher Unkenntnis der Dinge in ihrem Regattabericht bei leichtem Winde ein Versagen der Windsteuerung feststellen zu müssen glaubte. Es ist sehr bedauerlich, dass der Holzhafen vor den Toren der Stadt gelegen, vom Wasser umgeben, gar kein Publikum hat. Es würde sonst sicher mancher, der den den Rennen sich anschließenden 14tägigen Versuchen, 6-m-R-Modellbooten durch die Windsteuerung eine Seele zu geben, zugeschaut hätte, zum Nachdenken angeregt worden sein über den Wert des Modellsegelsports und den Versuch, die Hand des Steuermanns durch eine automatische Steuerung zu ersetzen. - Ich sage nur die Hand, denn der restliche Steuermann beobachtet von Land aus, ob die Hand dem Gehirn folgt. - Das Windruder allein hat so viele Einstellmöglichkeiten und ergibt zusammen mit der Stellung des Mastes, der Schwimmlage des Bootes usw. so unzählige Trimm-Möglichkeiten, dass viel Verständnis, große Erfahrung und viel Zeit dazu gehören, um zur Spitzenleistung eines Bootes zu gelangen. Es ist ja nicht das Interessante von den Regatten im großen wie im kleinen, dass ein Boot zuerst durch die Ziellinie geht, sondern warum es das tut, ja tun muss. Wohl nur Wenige, die unserm Star-Bootsieger Bischoff in den olympischen Segelwettkämpfen in Kiel zugejubelt haben, haben von der kleinen Tabelle vorn am Mast Kenntnis, die den Niederschlag gibt von dem monatelangen Ringen um die Seele von Boot und Besegelung.

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Doch zurück zu den nackten Daten. Bei den Marblehead-Booten lag es insofern schon günstiger, als dieselben einen etwas längeren Trimm hinter sich hatten und in einer Hand geblieben waren. Es kann daher als nicht schlecht bezeichnet werden, wenn die deutschen Marblehead-Boote im Endresultat an zweiter und dritter Stelle lagen und es vermocht hatten, das englische Boot (dessen Stärke wohl bei mehr Wind lag) und das dänische Boot auszusegeln, wobei allerdings zur Rechtfertigung des dänischen Bootes gesagt werden muss, dass es bis heute in Dänemark keine Marblehead-Klasse gibt. Es ist hoch anzuerkennen, dass die Dänen trotzdem dem Sport zuliebe mit einem Boot zu den Rennen gekommen sind, das zwar der Vermessung entsprach, da es darauf umgestellt worden war, aber dadurch zum Gewicht viel zu klein besegelt war, was sich gerade bei den leichten Winden sehr ungünstig auswirken musste. Zu dem amerikanischen Sieger in der Marblehead-Klasse „Cheerio", der mit 74 Punkten gegen das zweite Boot „Sagitta" mit 47 Punkten ganz überlegen siegte, ist noch zu bemerken, dass Black fünf Jahre an dem Trimm seines Bootes gearbeitet hat, um es auf die heutige Höhe zu bringen, und dass es über tausend Boote dieser Klasse in Amerika gibt, während „Sagitta" nach dem ersten deutschen Riss (Martens) erbaut worden ist, wenig gesegelt worden ist und es bisher nur wenige Marblehead-Boote in Deutschland gibt.

 1936_erste_int_1Die amerikanische "Najad" vor Spinnaker

Und nun zu den Rennen selbst: es waren der Sonntag (16.8.), Montag, Mittwoch und Donnerstag für die Rennen festgesetzt worden, während der dazwischen liegende Dienstag (18.8.) für einen Ausflug im Auto zur Begleitung der an diesem Tage stattfindenden Regatta der Kieler Woche vorgesehen war. War das Wetter im allgemeinen auch heiter, so war der Wind stets leicht und wurde an den beiden letzten Tagen so flau, dass die Rennen unterbrochen, bzw. abgebrochen werden mussten, so dass die für jede Klasse vorgesehenen 6 Runden (eine Runde - 10 einzelne Rennen von je 2 Booten, d.h. es hatte bei 5 Booten in jeder Klasse in einer Runde jedes Boot einmal gegen jedes andere Boot gesegelt) nicht durchgeführt werden konnten. In der A-Klasse wurden daher nur 5 und in der Marblehead-Klasse sogar nur 4 Runden gesegelt. ‚Gesegelt wurde nach den Vorschriften für internationale Modellbootrennen Abteilung A. Die Segelzeiten waren von 10 bis ca. 17 Uhr (eine Runde dauerte ca. 2 Stunden) mit ca. 1 Stunde Mittagspause, die sehr zu der guten Stimmung und der guten Kameradschaft der Segler und der Funktionäre untereinander beitrug., da diese Pausen durch ein zwangloses Picknick auf dem Ponton, an dem sich an einer langen Tafel ca. 25 - 30 Personen teilnahmen, und mit aller Allotria ausgefüllt wurde. Alle Teilnehmer wurden morgens mit Barkassen von der Stadt aus (Baumwall) nach dem Holzhafen befördert und abends wieder zurück. Am Sonntag, dem ersten Regattatage, waren Barkassen auch für die Zuschauer bereitgestellt worden.

Jedes Rennen bestand aus zwei Läufen, einmal das Becken hinunter, das andere Mal hinauf. Für denjenigen Lauf, der hart am Wind oder, falls es der Windrichtung halber nicht möglich war, höher am Wind als der andere Lauf gesegelt wurde, erhielt das siegende Boot 3 Punkte, für den anderen Lauf nur 2 Punkte. Leider ergab die Windrichtung nur wenige Läufe hart am Winde oder sogar Kreuzstrecken. Da der Wind während der Rennen weder an Stärke noch an Richtung stetig war, so wurden an die Segler durch die häufige Neueinstellung der Segel und der automatischen Steuerung große Anforderungen gestellt, was sich besonders für die deutschen Segler mit ihrer geringen Erfahrung ungünstig auswirken musste, doch zeigte die größere Ausgeglichenheit der Punktzahlen der letzten Tage und die oft recht harten Rennen die zunehmende Vertrautheit der deutschen Segler mit ihren Booten. In der A-Klasse spielte sich der Hauptkampf um den ersten Preis zwischen den beiden englischen Booten ab, die am Schluss des zweiten Tages nur um einen Punkt zugunsten von „Najad" auseinander lagen, während sich dann „Fusilier" einen allerdings guten Vorsprung sichern konnte.

Die Gesamtpunkt-Ergebnisse sind:

A-Klasse

 

Marblehead-Klasse

 

„Füsilier"

73

„Cheerio"

74

„Najad"

61

„Sagitta"

47

„Blue Chip"

53

„Quick jun."

38

„Germania"

36

„Vectis"

35

„Niederelbe"

27

„Henning"

6

Durch diese Punktzahlen gewannen in der A-Klasse "Füsilier" den Ehrenpreis der Freien und Hansestadt Hamburg und "Najad" den zweiten Preis in Form einer silbernen Zigarrendose, in der Marblehead-Klasse "Cheerio" den Ehrenpreis des Reichssportführers, "Sagitta" den zweiten Preis in Form einer silbernen Zuckerdose. Die Eigner der übrigen Boote erhielten zur Erinnerung je einen silbernen  Becher.

Als Einleitung zu den Rennen fand am Sonnabend, dem 15. August, ein Begrüßungsabend in der Elbschlossbrauerei Nienstedten statt, zu der die „Segler-Vereinigung Altona-Oevelgönne" eingeladen hatte. Der Vereinsführer und Bezirksführer, Kurt von Broock, hieß besonders die ausländischen Gäste herzlich willkommen, worauf Oberst Holden (England) und Black (U.S.A) dankten. An diesem Abend und den Sonntagsregatten nahm der Führer der Modellsegel-Abteilung des Deutschen Seglerverbandes, Paul Krüger, teil. Bei dem Ausflug nach Kiel ließ es sich Oberstleutnant Kewisch mit seinen Damen nicht nehmen, obgleich er vor einigen Minuten erst von der Regatta rund um Fehmarn mit seinem Boote in Kiel wieder eingetroffen war, die Modellsegler zum Tee einzuladen und im Namen des Deutschen Seglerverbandes zu begrüßen und der Hoffnung Ausdruck zu geben, dass diesen ersten internationalen Modellsegelboot-Rennen in Deutschland weitere folgen möchten mit zunehmender Beteiligung des Auslandes Am Montag, dem 19. August, fand um 10 uhr vormittags ein Empfang durch den regierenden Bürgermeister Krogmann statt mit anschließender Besichtigung des Rathauses. Den Schluss der Veranstaltung bildete die Preisverteilung im Rahmen eines Abschiedsessens in Wietzels Hotel, zu dem die „Seglervereinigung Niederelbe" eingeladen hatte. Auch dieser Abend verlief äußerst harmonisch und kameradschaftlich, was in verschiedenen Ansprachen noch seinen Niederschlag fand.

cheeriomhead4sBlack mit seiner "Cheerio"

Als Schlusswort kann man wohl mit Berechtigung sagen, dass die ersten internationalen Modellbootrennen in Deutschland gut gelungen sind und zwar sowohl sportlich als auch ganz besonders im Hinblick auf die Kameradschaft, die zwischen den ausländischen und deutschen Seglern geschlossen worden ist. Es waren sicherlich keine Redensarten, wenn die ausländischen Gäste, die fast alle zum ersten Male in Deutschland waren und teils mit ganz anderen Voraussetzungen nach Deutschland gekommen waren, immer wieder versicherten, wie wohl sie sich in Deutschland befunden hätten und wie schön die Tage in Hamburg gewesen wären.

Die Modellsegelabteilung des Deutschen Seglerverbandes möchte daher an dieser Stelle den Ausländern für ihr Kommen, für den guten Sport und für ihre Kameradschaft danken und ebenfalls den Behörden, dem Bezirk 9 und allen Beteiligten für die Opfer an Geld, Zeit und Nerven, welche den gelungenen Verlauf der Rennen ermöglichten.

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