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Original erschienen in der Zeitschrift Yacht 33/1935 Autor: Ch.A. Beringer. Sollten hiermit irgendwelche Rechte verletzt werden bitte melden. Ich werde dann den Artikel sofort entfernen.

In Fleetwood, einer hübschen, kleinen Stadt und zugleich Badeort an der englischen Westküste nördlich von Liverpool, fanden vom 29. bis 31. Juli die Rennen der Modellsegelyachten der A-Klasse um den Yachting Monthly“-Cup statt, einem Wanderpreis der Model Yachting Association, der 1923 zum ersten Male in Gosport ausgesegelt wurde. In den darauf folgenden Jahren war besonders Amerika bemüht, diesen Pokal zu gewinnen, doch gelang es den Engländern in jedem Jahr, den Preis erfolgreich zu verteidigen. Zum ersten Male wurde der Preis in diesem Jahre von einer anderen Nation gewonnen und zwar von Norwegen durch Sam. O. Berge mit seinem Boot „Prins Charming 2“.

Jedes Land darf ein Boot entsenden, in diesem Jahr kämpften England, Deutschland, Amerika, Norwegen und Frankreich um den Preis. Zu berichten, wie die Rennen im einzelnen stattfinden würde zu weit führen, es sei nur gesagt, dass auf einem Teich gesegelt wird, der die Bedienung der Boote von Land aus gestattet, und dass immer nur zwei Boote auf einmal starten, doch so, dass jedes Boot mindestens einmal gegen jedes andere Boot segelt. Diesmal wurde es so gehandhabt, dass an den drei Tagen jeden Vormittag und Nachmittag vorstehende Anordnung zutraf, so dass jedes Boot sechsmal mit jedem anderen zusammentraf, also 2x24 Starts hatte, einmal den Teich herauf, das andere Mal herunter. Durch die Windrichtung ergab es sich, dass fast immer eine Strecke zu kreuzen, die andere vor dem Winde abzusegeln war, und zwar unter Spinnaker. Letzteres machte mir besonders durch die automatische Steuerung, die von Großsegel und Vorsegel bedient wird, infolge der fehlenden Erfahrung sehr viel zu schaffen und ließ mich viele Punkte verlieren. Der Teich ist für den Modellsegelsport besonders angelegt, ein viereckiges Becken von etwa 250 m Länge und 70 m Breite, vom Meere nur durch einen niedrigen Teich getrennt.

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Zu den Ausscheidungen für die Vertretung Englands bei den Wettfahrten
um den Yachting-Monthly-Pokal 32 Modellyachten der A-Klasse gemeldet.
Am Ufer des Segelteichs warten die Bewerber mit Ihren Booten auf den Ruf ihrer Startnummer.

Um zu zeigen, wie scharf die Konkurrenz ist, genügt die Angabe, dass es in England über 400 A-Klassen-Boote gibt, und dass sich zu den englischen Ausscheidungsrennen, die vor den internationalen Rennen stattfanden, 32 Boote aus allen Teilen Englands gemeldet hatten. In ganz Deutschland sind nur vier A-Klassen-Boote vorhanden, und es war erst das vierte Mal, dass sich Deutschland an internationalen Rennen beteiligte. Dazu kommt, dass wir in Deutschland keine Modellsegelteiche haben – in England gibt es eine ganze Anzahl – und daher das Segeln nach den internationalen Regeln so gut wie unbekannt ist. Daher fehlen uns die Segler mit Regattapraxis – von den heutigen Modellseglern ist nur Paul Krüger einmal in England gewesen -, denn was in Deutschland bisher an Modellbootrennen abgehalten worden ist, lässt sich nicht mit dem Modellsegelsport im Auslande vergleichen, wurde doch bei uns bisher das Segeln vor dem Winde gar nicht geübt. Als daher Krüger, der mit dem von C. Martens konstruierten und von dem Bootsbauer Künkel für Udo Franck gebauten Modellboot „Hunding 8“ nach England gehen sollte, im letzten Augenblick aus geschäftlichen Gründen absagen musste, wurde mir selbst von dem Führer des Deutschen Seglerverbandes, Reichsbankrat Unfug, der Auftrag erteilt, Deutschland zu vertreten, obgleich wir irgendwelche Aussichten unter diesen Umständen nicht hatten, zumal auch das Boot noch ganz neu und ungetrimmt war. Ich habe aber meine Fahrt nach England nicht bereut, denn ich habe soviel dort gelernt und die Rennen haben mich noch mehr davon überzeugt, welch ein großer, für den Seglernachwuchs und überhaupt für den Segler erzieherischer Wert in dem Modellsegelsport liegt. Um das Beste aus dem Boot herauszuholen, gehört ein solches Gefühl für Segelstellung und Trimm des Mastes und Bootes, wie man es im großen Boot nur schwer erlernen kann, denn da werden nur zu leicht und zu oft unrichtige Segelstellung und unrichtiger Trimm durch die Korrektur mit dem Ruder zugedeckt. Außerdem ist ein do kleines, etwa 2 m langes Modellboot ganz anders mit einem Blick zu übersehen, abgesehen davon, dass man mit den geringsten Mitteln und Kosten den Trimm des Bootes abändern und durch neue Segel verbessern kann.

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Einen famosen Eindruck machen die etwa 2 m langen A-Klassen-Modellyachten. Der Sieger dieses Jahres, das links abgebildete norwegische Boot „Prins Charming 2“, war mit einer vom Wind betätigten automatischen Steuerung ausgerüstet, während alle anderen Bewerber das Ruder im Wasser hatten. Deutschlands Vertreter „Hunding 8“ zeigte seine besten Eigenschaften bei leichtem Wind und nicht bei schwerem Wetter, in dem er rechts unter Sturmsegeln aufgenommen wurde.

Aber auch sonst hat mich meine Englandfahrt nicht gereut, denn ganz davon abgesehen, dass ich, sobald ich englischen Boden betrat, in jeder Beziehung Gast der Engländer war, wurde ich mit einer solchen Herzlichkeit aufgenommen, und zwar von jedermann, dass ich nur wünschen möchte, wir deutschen Modellsegler hätten bald Gelegenheit, unseren englischen Freunden zu zeigen, dass sie bei uns in Deutschland ebenso gerne gesehene Sportkameraden sind. Wie fair und kameradschaftlich der Modellsegelsport in England betrieben wird, geht daraus hervor, dass mein Boot von den englischen Modellsegelkameraden sofort einer eingehenden Prüfung unterzogen wurde und ein großer Teil der Beschläge durch die neuesten englischen ersetzt wurde, eine Bezahlung wurde freundlich, aber bestimmt abgelehnt. Auch während der Rennen stellten sie mir ihre Segel zur Verfügung, wenn sie sahen, dass meine nicht den Ansprüchen genügte. Da zum Segeln eines Modellbootes zwei Mann gehören, den auf jeder Längsseite des Teiches muss das Boot durch einen Mann begleitet werden, erhielt ich einen sehr guten Maaten, I.H. Catteral, der in seinen unergründlichen Taschen alles hatte, was ein Modellsegelboot während eines Rennens braucht.

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Von den vier Regattatagen war der erste stürmisch, die drei anderen hatten leichten Wind. Die Gegner waren folgende: England mit dem Boot „Naiad“, gesegelt von Oberst W.C. Noldea, Frankreichs „Gaulois“ mit H. Boussy, Norwegens „Prins Charming 2“ mit Sam.O. Berge, die Vereinigten Staaten von Amerika mit dem Boot „Yankee 2“, von W.G. Bithel gesegelt, und Deutschland mit dem Boot „Hunding 8“. Während der Rennen stellte es sich heraus, dass mein Boot bei mittlerem und leichterem Winde gut war, sogar erstaunlich gut, wenn man bedenkt, dass es das erste Modellboot ist, das von C.Martens konstruiert worden ist; bei viel Wind allerdings versagte es. Wenn das Boot in Trimm und ich ein erfahrener Modellsegler gewesen wäre, dann wäre es bei dem leichten Wind ein gefährlicher Gegner für den Norweger und den Engländer gewesen und das Bild wäre wesentlich anders geworden. So konnten wir uns nur an die vierte Stelle vor dem Amerikaner setzen. Das Gesamtergebnis war: Norwegen 88 Punkte, England 82, Frankreich 47, Deutschland 43 und Amerika 40. Die Preisverteilung wurde von dem Bürgermeister der Stadt Fleetwood vorgenommen, der auch schon vor den Rennen ein Essen zum Empfang der ausländischen Gäste gab.

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Der Bürgermeister von Fleetwood lässt dem Sieger,
Norwegens Vertreter Berge, den im Vordergrund sichtbaren
Yachting Monthly Pokal überreichen
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Im Anschluss an die Rennen um den „Yachting Monthly“-Cup fanden am 1.August abends zwei Rennen auf offenem Wasser um die „Allen Forbes“-Trophy, ebenfalls einen Wanderpreis, statt, die in der Flussmündung unter Begleitung von Ruderbooten gesegelt wurden. Bei diesen Rennen zeigte sich mein Boot wieder als gutes Leichtwetterboot, und wohl nur durch den umstand, dass es im ersten Rennen an erster Stelle liegend durch meine Unkenntnis der ufer auf Grund geriet, verlor ich den ersten Preis und musste mich mit dem zweiten begnügen. Den ersten gewann wieder der Norweger mit seinem wirklich sehr guten und ausgezeichnet geführten Boote. Mit dem zweiten Preis hat es übrigens insofern seine Bewandtnis, als ein solcher ursprünglich nicht vorgesehen war, sondern nur als persönliche Aufmerksamkeit für den deutschen Vertreter im letzten Augenblick von dem Präsidenten des Yachting Monthly (British) International Racing Comittee, W.M. Carpenter, gestiftet worden ist. Zu dem Rennen auf der Flussmündung ist noch zu bemerken, dass die Bahnlänge je Rennen 3 Seemeilen betrug, und zwar um 1 ½ am Wind und 1 ½ vor dem Winde nach runden einer Boje. Die Ausweichregeln sind fast dieselben wie im großen Boote, nur mit dem unterschied, dass das Modellboot vor dem Wind allen anderen gegenüber Wegerecht hat.

Um bei uns den Modellsegelsport auf größere Höhen zu bringen, müssen die Modellbootrennen in ganz anderer Weise als bisher aufgezogen werden. Es werden daher die im Oktober vorgesehenen Modellsegelregatten auf der Havel unter viel schwierigeren Bedingungen als bisher gesegelt werden. Grundbedingung für einen Erfolg des Modellsegelsports ist aber, dass er ein Volkssport wie in England wird, wo der Oberst aus dem Kriegsministerium sein Boot gegen das des Fischerjungen laufen lassen kann.

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