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The Malta Experience IOM-Weltmeisterschaft 1999

iom_wm_1Als Urlauber auf der kleinen mediterranen Inselrepublik Malta sollte man sich „The Malta Experience" normalerweise nicht entgehen lassen. Diese Audio-Visions-Show zeigt die erfahrenswertesten und interessantesten Dinge über dieses Felseneiland und dessen Geschichte. Leider stand es nicht auf unserem Besichtigungsprogramm, jedoch sollte Malta dem deutschen WM-Team auf einem ganz anderen Gebiet mehr als genug Erfahrungen bringen!

Ausgerichtet von der Malta Model Boating Association fand vom 4. bis 10. April 1999 an Maltas Nordwest-Küste die diesjährige Weltmeisterschaft der Internationalen Ein-Meter-Klasse statt.

80 Teilnehmer aus 16 Ländern zählte das Starterfeld, darunter fünf Segler aus Deutschland: Jens Amenda (GER 124), Dieter Halle-Krahl (GER 92), Jürgen Hoffmann (GER 97), Michael Scharmer (GER 09) und Jochen Weiss (GER 07). Demgegenüber standen so namhafte Leute wie Craig Smith (NZL), Graham Bantock (GB), Mark Dicks (GB) oder Remi Bres (F), um nur einige zu nennen. Daß es nicht einfach werden würde, war somit von vorneherein klar.

Unser Team war schon ein paar Tage vor Beginn der Weltmeisterschaft angereist. Natürlich hatten alle nichts Besseres zu tun, als sofort das Regattagelände in Augenschein zu nehmen. Die kleine Meeresbucht direkt vor dem Pooldeck des Ramla Bay Hotels machte an sich einen guten Eindruck, die eigens aufgebaute zwei Meter hohe Gerüstplattform versprach eine gute Übersicht.

Ein wenig Sorgen hingegen bereiteten uns die fast senkrechten Uferfelsen mit ihren Unterwasserausläufern.

Und dann waren da noch die Wellen: Als eingefleischter Süßwassersegler ist man ja für jedes Kräuseln auf dem Wasser dankbar. Aber hier in der Bucht bauten sich die Wellen bereits bei straffen A-Rigg-Bedingungen bis an die 30 cm auf - wie sollte das erst bei mehr Wind aussehen?!

Vorsichtshalber wurde direkt ein kleiner Probeschlag angesetzt. Irgendwie schienen jedoch die Boote über Nacht total aus dem Trimm gekommen zu sein, denn bei der kleinsten Böe gingen sie in den Wind, und die Wendemanöver waren alles andere als passabel. Nichts stimmte mehr. Die mittlerweile ebenso trainingsaktive Konkurrenz dagegen lief ohne Probleme höher und schneller am Wind.

Aufgrund dieser Tatsachen wurde das bis zum eigentlichen WM-Beginn geplante Urlaubsprogramm kurzerhand zugunsten einiger Trainingseinheiten gekürzt. Es wurde diskutiert und getrimmt, was das Zeug hielt: Vom ganz flachen Segel über viel Twist bis hin zu extremem Mastfall wurde alles ausprobiert. So nach und nach kamen die Boote unserer fünf Teilnehmer zumindest in der Geschwindigkeit den anderen recht nahe.

Allerdings wurde es dafür auch höchste Zeit. Mittlerweile war es Samstag, und für den Nachmittag war der erste offizielle Vermessungstermin angesagt. Das Ganze war an und für sich gut organisiert: Zuerst wiegen, dann ins Wasserbecken, und zuletzt wurden die Riggs auf Maßhaltigkeit geprüft. Daß der Teufel im Detail steckt, mußten dabei auch einige aus unserem Team feststellen: Jens hatte am C- Rigg die Mastmeßmarken vergessen, Michael mußte sein C- Großsegel in der Höhe kürzen und dafür unter dem Schothorn wieder etwas ankleben, und Jochen kam an dem extra bereitgestellten Arbeitstisch nicht vorbei, da sein Kiel ein wenig zu schwer war.

Angesichts dieses gut organisierten Ablaufes waren wir allerdings etwas überrascht, daß die Meßbriefe nicht verlangt wurden. Beim Wasserbecken hatten wir den Eindruck, daß hier jemandem hinsichtlich des Tiefganges Gutes getan werden sollte.

Mit Stempeln auf den Segeln ging es dann am Sonntag abend zur Eröffnungsfeier der WM '99. Zur großen Freude aller Teilnehmer war der offizielle Teil nach einer halben Stunde erledigt, so daß genug Zeit für Wein und gute Laune blieb.

iom_wm_2Mit der Einstellung: „Es kann ja nur besser werden!" machten sich unsere Segler am nächsten Tag auf den Weg zum Skippers' Meeting. Geplant war das Briefing für 9.30 Uhr, die ersten Starts sollten eine halbe Stunde später erfolgen. Da die Organisatoren allerdings noch einige kleinere Probleme hatten - vor allem die Kursauslegung schien nicht so ganz einfach - verzögerte sich der erste Start um ca. eine Stunde. Zeit genug, um sich in Ruhe die Aufteilung anzuschauen: Mit je 16 Seglern pro Gruppe fiel diese recht angenehm aus, hatten wir doch befürchtet, daß sich jeweils 20 Boote über die Startlinie schieben müßten. Die Einteilung der drei Vorläufe war per Los bestimmt worden.

Kurz vor elf wurde dann der erste Lauf gestartet. Trotz kräftigem A-Rigg-Wind ging es nur recht schleppend vorwärts. Ursache dafür war aber nicht nur der ständig drehende Wind, der ein mehrfaches Verlegen des Kurses nötig machte, sondern auch Probleme bei der vollständig per PC (mit Direktanbindung ans Internet) durchgeführten Auswertung.

Die leisen Flüche aus deutschen Reihen während der Einteilungsläufe über zu langsame Boote und eingefangene Plastiktüten ließen eigentlich schon recht früh darauf schließen, daß sich unsere Skipper wohl auf den hinteren Plätzen „einsegeln" würden. So war es dann auch: Gegen 17.00 Uhr wurde die Aufteilung für die Wertungsläufe bekanntgegeben. Jens Amenda, Dieter Halle-Krahl und Michael Scharmer sollten die folgenden Rennen aus Gruppe D angehen, Jürgen Hoffmann und Jochen Weiss aus E. Die Stimmung war dementsprechend. Dazu kam noch ein wenig Verwirrung. Keiner hatte mitbekommen, daß die Wertungsläufe entgegen der allgemeinen Gewohnheit mit der letzten, also mit Gruppe E, gestartet werden sollten.

Jochen und Jürgen schafften es gerade noch rechtzeitig, ihre Boote ins Wasser zu bekommen.

Bei einem abendlichen Bier wurde beschlossen, den ersten Regattatag dieser WM ganz schnell abzuhaken!

Aber nicht nur unser Team Germany hatte bei dieser WM Startschwierigkeiten. Auch das PC-Programm zur Berechnung der Ergebnisse lief noch nicht so recht. Nachberechnungen der Vorlaufergebnisse ergaben einige Verschiebungen für die Einteilung in die Wertungsläufe. Mit der Neueinteilung rutschte auch Jochen Weiss in Gruppe D.

So wurde am nächsten Tag der erste Wertungslauf der Gruppe E wiederholt. Nach diesem ersten Chaos kam die Regattaleitung immer besser zurecht, vor allem mit dem Computer. Das Team im Bergeboot spielte sich ebenfalls zusehends ein, so daß das Bojenverlegen nur noch wenige Minuten dauerte.

Der Wind kam anfangs ablandig aus Süd und flaute ab. Eigentlich gute Karten für unsere deutschen Teilnehmer. Aber es lief einfach nicht! Außerdem drehte der Wind recht schnell wieder in die gewohnte Richtung und frischte kräftig auf. Die kurzen und steilen Wellen wurden von Beton- und Felswänden zurückgeworfen und durchkreuzten sich gegenseitig. Der Australier Cameron J. Clarke fand dafür einen treffenden Vergleich und sagte in einem Interview mit dem Maltesischen Fernsehen, das Ganze sei wie Segeln in einer Waschmaschine.

Hin und wieder traute sich einer unserer Segler bis in Gruppe C, fand sich im nächsten Lauf aber doch meist in D wieder.

iom_wm_3Der Kampf um Platz 1 war zu diesem Zeitpunkt recht spannend. Die ersten Zehn waren so dicht beieinander, daß noch alles möglich war. So interessant die Läufe der A-Gruppe auch waren - die Stimmung im deutschen Lager sank immer weiter. Nur gut, daß für den nächsten Tag statt Segeln ein Tagesausflug quer über die Insel auf dem Plan stand.

So genossen doch alle die Hafenrundfahrt in Sliema, und spätestens ab der Weinprobe in einer maltesischen Kelterei und dem Bummel über den Markt im Fischerdorf Marsaxlokk waren die Modellsegelboote für ein paar Stunden fast vergessen.

Nach dieser Pause stiegen Stimmung und Mut wieder merkbar an. Also stand man am nächsten Morgen wieder parat, um das Beste aus den Booten herauszuholen. Auch der Wind hatte unsere Pause genutzt und blies am Donnerstag so stark, daß er die Boote mit dem B-Rigg an die Grenze der Beherrschbarkeit brachte. Michael und Jens kamen mittlerweile einigermaßen mit den Bedingungen zurecht, allerdings hatte auch die Konkurrenz über den Ruhetag das Segeln nicht verlernt. Selbst im unteren Mittelfeld war es äußerst schwierig, sich auch nur um einen Platz zu verbessern. Mit jeder Runde wuchsen die Punkteabstände, und ein richtiger Sprung nach vorn wäre nur durch einen längeren Aufenthalt in Gruppe B zu erreichen gewesen.

Wie bereits kurz angemerkt, wurden die Ergebnisse sofort via PC ins Internet eingespeist. In der Heimat war man also bestens mit unseren Ergebnissen vertraut, und so erhielten wir per E-Mail einen netten Wink mit dem. Zaunpfahl: „Der deutsche Taubenzucht-Verband hat übrigens noch Plätze frei ..." Murphy Richards läßt grüßen! Danke für diesen Tip!

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So entmutigt war dann aber doch noch keiner, schließlich kann nur einer der Sieger sein. Daß der Weg dorthin oft recht tückisch ist, mußte Craig Smith an diesem Tag erfahren. Aufgrund zweier technischer Defekte rutschte der 97er Weltmeister bis in Gruppe C ab. Graham Bantock segelte weiterhin konstant und konnte so seinen Punktevorsprung ausbauen, Martin Roberts übernahm zwischenzeitlich Platz 2.

Dank kräftigem-Wind und dem engagierten Einsatz von Anthony Debono und seiner Mannschaft kamen bis Samstag mittag letztendlich 21 komplette Durchgänge zustande, woraus sich drei Streichläufe ergaben. Das Ergebnis war schließlich wenig überraschend, da Graham Bantock sich wie erwähnt etwas absetzen konnte. Mit seiner IKON gewann er diese Weltmeisterschaft vor Craig Smith, der sich mit seiner TS 2 trotz des Abstiegs bis Gruppe C wieder auf den zweiten Platz vorsegelte. Mit nur zwei Punkten Rückstand holte sich Martin Roberts mit seiner WIDGET den dritten Platz.

 

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Unsere deutschen Segler landeten, wie auf der Ergebnisliste zu sehen, weit abgeschlagen.

Allzu frustriert kann aber keiner von ihnen gewesen sein, denn bei der Siegerehrung und dem anschließenden Festbankett war die Stimmung alles andere als gedrückt. Als fairer Sportler muß man halt auch mal eine Niederlage wegstecken können.

Zugegeben, man neigt gerne dazu, schlechte Ergebnisse auf das Boot zu schieben. Aber wenn man ehrlich ist, liegt es bestimmt nicht nur daran! Die TS 2, gleich 28 mal bei der WM vertreten, mag eine sehr schnelle und vor allem sehr
leicht zu segelnde Konstruktion sein, eine „Wunderwaffe" ist sie jedoch bestimmt nicht. Bestes Gegenargument ist die eigentlich schon recht betagte WIDGET, mit der Martin Roberts während der ganzen Regatta ein durchaus ebenbürtiger Konkurrent war. Die Ein- Meter-Klasse hat halt auch ihre Trends.

Dummerweise wird über all diese Dinge nämlich meist das Wichtigste vergessen: Das Boot fährt nicht von selbst! Ein Stück vom Sieg hat Graham Bantock sicherlich seiner ausgezeichnet laufenden IKON zu verdanken, errungen aber hat er ihn mit seiner ausgeglichenen Segelleistung. Auch ihm sind während der Rennen Fehler unterlaufen, jedoch hat er es wie kaum ein anderer verstanden, sich wieder nach vorne zu arbeiten. Man muß nicht unbedingt jeden Lauf gewinnen, um Weltmeister zu werden.

Technisch gab es auf dieser Weltmeisterschaft eigentlich kaum etwas Neues zu sehen. Einige Beschläge wurden etwas verändert oder weiterentwickelt, hier und da sind ein paar neue Ideen eingeflossen, und auch an den Rumpf-, Ruder-, Kiel- und Ballast-formen wurde ein wenig experimentiert. Das Übliche also!

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Viel bemerkenswerter war da die Organisation der Veranstaltung und des Drum und Drans. Die Malta Model Boating Association gibt es seit gerade mal fünf Jahren. Damit ist sie nach wie vor eines der jüngsten Mitglieder der ISAF RSD. Was hierzulande wohl immer wieder an den finanziellen Aspekten scheitern wird, hat man dort aus dem Stand heraus geschafft - man war Ausrichter der diesjährigen Weltmeisterschaft der Internationalen Ein-Meter-Klasse.

Zugegeben, anfangs gab es einige Schwierigkeiten. Das Anmeldeverfahren zog sich furchtbar lange hin, so daß die WM-Teilnehmer, die über die zusätzlich verteilten Plätze in das Feld gerutscht waren, erst fünf Wochen vor Beginn der WM informiert wurden. Auch während der Veranstaltung gab es hier und da einige Kleinigkeiten, aber die waren nicht gravierend und können einfach jedem passieren.

Deshalb von hier aus noch einmal ein großes Lob und ein Dankeschön an die Malta Model Boating Association! Auch wenn für uns nicht alles nach Plan verlief, hat uns die Weltmeisterschaft 1999 viel Spaß gemacht!

Bedanken möchte sich das gesamte Team ebenfalls und vor allem bei Heinz Bohn. Aus gesundheitlichen Gründen mußte er leider selbst auf die Teilnahme an der WM verzichten, dennoch hat er es sich nicht nehmen lassen, alles nötige zu managen. Vielen Dank. Heinz!

Abschließend möchten wir auch die Firmen Graupner und robbe erwähnen, die uns mit einigen Ersatzteilen unterstützt haben. Auch hier ein kleines Dankeschön!

pdf1999mlt_worlds.pdf

logosmOriginal erschienen in der Zeitschrift Schiffsmodell  des Neckar-Verlags 6/1999 Autor: Sonja Bohn.
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