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1.Weltmeisterschaft für ferngesteuerte Modell-Segeljachten

1978_wm_1Dieses Ereignis des Jahres fand vom 27. Juli bis 6. August 1978 in Mailand statt. Wie kam es zu dieser 1. Weltmeisterschaft?

Bekanntlich fanden bei den Modellseglern bisher Gruppenmeisterschaften, Deutsche Meisterschaften und Europameisterschaften statt. Die NAVIGA als übergeordnete Organisation der Schiffsmodellbauer hat sich aber inzwischen ,,gemausert". Wie mir gesagt wurde, sind es mit den Ländern, die die Aufnahme beantragt haben aber noch nicht Mitglied sind, zwischenzeitlich 33 Nationen! Eine stattliche Anzahl!

Man ließ also die anstehende Europameisterschaft fallen und machte daraus die 1. Weltmeisterschaft. Dreizehn Nationen hatten ihre Teilnahme zugesagt, aber elf waren dann doch nur erschienen, da bei zwei Ländern (England und Jugoslawien) die vorgenommene Terminverschiebung eine Teilnahme angeblich nicht möglich machte. So waren denn hier vertreten: Belgien, Bulgarien, Bundesrepublik Deutsch- land, Deutsche Demokratische Republik, Frankreich, Italien, Polen, Sowjetunion, Schweiz, Österreich und Ungarn.

Die deutsche Vereinigung nennt sich ja ,,nauticus" und ist in vier Gruppen, nämlich Nord, West, Mitte und Süd, eingeteilt. (Dies nur für die noch nicht so informierten Leser.) Italien erklärte sich bereit, die Ausrichtung dieses Wettbewerbes zu übernehmen. (Vor zwei Jahren war die Europameisterschaft in Hamburg.) Zunächst sollte die Veranstaltung am Comer See stattfinden. Dann wurde diese jedoch nach Mailand verlegt. Leider war damit eine Terminverschiebung verbunden, und da die offizielle Einladung sehr spät kam, gab es an verschiedenen Stellen noch echte Probleme wegen der Urlaubsplanung.

Die Weltmeisterschaft fand für die Freisegler, Klasse D, und für die ferngesteuerten Segler, Klasse F 5, statt. Die Freisegler hielten ihren Wettbewerb zu gleicher Zeit am gleichen Gewässer ab. Da diese Sparte jedoch in Deutschland kaum Anhänger hat und auch kein deutscher Vertreter dabei war, wird hier nur von den ferngesteuerten Segeljachten berichtet.

1978_wm_2Das Regattagelände am „Idroscalo" beim Mailänder Flughafen kann man ruhig als ideales Gelände bezeichnen. Es ist eine Ruder-Regattaanlage mit Tribüne und Unterkunftsräumen, Schiedsrichterturm usw. Auch eine Cafe-Bar war zum Glück für die Selbstversorger vorhanden. Das Gewässer war etwa 250-300 m breit und über 1 km lang. Gegenüber am anderen Ufer war ein Campingplatz mit kleinem Restaurant, Tanzlokal, Freibad, Spielautomaten und Freizeitanlagen. Außerdem befindet sich in unmittelbarer Nähe ein Vergnügungspark als Dauereinrichtung. Das Ganze ist ein Freizeit- und Erholungszentrum für die Mailänder Bevölkerung.

Nun zum Ablauf des Geschehens:

Samstagnachmittag und Sonntag fand die Registrierung und Vermessung statt, und zwar in der Nähe auf einem Sportgelände mit verschiedenen Hallen. Beim Empfang erhielt man das Programm, Teilnehmerausweis, Aufkleber, Prospekte und die umzuhängende Registriernummer.

Wie man hörte, hat der Präsident des Organisationskomitees, Architekt Brusotti mit seiner Frau so ziemlich die gesamte Vorarbeit und Organisation, Listen und Pläne und so vieles mehr allein gemacht. Eine anerkennenswerte Leistung. Oder: Einer ist immer der Dumme?

1978_wm_4Für die Vermessung der Boote war ebenfalls alles bestens organisiert. Für jede Bootsklasse, die X, M und 10- Rater waren getrennte Messtische und Messeinrichtungen vorhanden. Und genügend Platz. Natürlich gab es beim Vermessen der Segel wie üblich Diskussionen über Achterliekrundung, eingearbeitete Wölbungen u.a. mehr, und hie und da musste auch einer die Schere zur Hand nehmen und an seinem Segel einen Streifen abschneiden.

Am Montag um 10.00 Uhr wurde dann örtlich am Regattagelände die 1. Weltmeisterschaft offiziell durch den Präsident der NAVIGA, Frank, in feierlicher Handlung eröffnet. Die Regierung war durch den Regionalrat für Tourismus und Sport der Lombardei, Remo Bozzi, vertreten. Nachdem Präsente und Blumen ausgetauscht waren, wurde die NAVIGA-Fahne als Höhepunkt der Handlung gehisst. Dann hatte man bis zum vorgesehenen 1. Start um 12.30 Uhr noch etwas Zeit.

Schiedsrichter der Klasse F 5 war übrigens ein Deutscher, nämlich Herr Thyen aus Köln, mehrfacher Deutscher- und Europameister, der den Ablauf der Wettkämpfe sicher leitete.

F 5-X Senior

Zuerst kamen die FX-Senior-Boote an den Start. Die 27 Teilnehmer waren in vier Gruppen aufgeteilt. Für den Ablauf waren eineinhalb Tage vorgesehen. Zunächst war vorgesehen, dass die Sieger aus jeder Gruppe den Endlauf bestreiten sollten. Wer selbst segelt weiß, dass für die Platzierung oft nicht nur das Können maßgebend ist, sondern auch oft das Glück mitspielt. Mit Recht waren die Teilnehmer nicht mit dieser Regelung einverstanden.

Nach einiger Zeit der Diskussion und Lagebesprechung teilte Thyen als Wettkampfleiter mit, dass er bei der Organisationsleitung erreicht habe, daß nunmehr die Zweiten jeder Gruppe einen Zwischenlauf austragen würden, und daß aus diesen vier Teilnehmern dann die beiden Ersten dieser Gruppe mit in den Endlauf kommen würden.

1978_wm_10 

Bald hörte man jedoch, sieben teilnehmende Ländervertreter hätten einen Antrag eingereicht, dass die ersten drei jeder Gruppe zu einer Endlaufgruppe zusammengefasst werden sollen, die dann nach dem NAVIGA-System in 13 Läufen den Sieger zu ermitteln haben. Am Abend des ersten Tages, an dem zwei der vier Gruppen ihre Läufe hinter sich brachten, wurde dann auch so entschieden.

Nach langer Verzögerung - hier hörte die bisher perfekte Organisation auf -fingen die Wettkämpfe endlich an. Von Deutschland waren vier Teilnehmer dabei: Holtzwarth, Mentges, Kardatzki und Schneidemesser.

Die Wettkämpfe der beiden ersten Gruppen verliefen friedlich. Am nächsten Tage bei Gruppe drei und vier ging es plötzlich hektischer zu, und die ersten Proteste mußten entschieden werden.

Am Dienstag um 13.00 Uhr startete dann die Endlaufgruppe, für die sich Holtzwarth und Kardatzki qualifiziert hatten. Hier zeigten sich gegenüber den Vorläufen schon deutlich der qualitativere Unterschied und das bessere Können dieser Teilnehmer. Die Kämpfe wurden spannender und härter. Man zog an allen Registern der Tricks, um den oder die Gegner auszuschalten. Beruhigend war für mich und viele andere, das aber auch hier die üblichen Fehler wie Verfehlung der Boje, Hängen bleiben an der Boje, falsche Einschätzung usw. geschahen. An der großen Anzeigetafel konnte man die sich herausschälende Spitzengruppe verfolgen.

Am späten Nachmittag stand dann, nachdem jeder viermal gegen wechselnde Gegner an der Reihe war, der Sieger fest. Es war Rauchfuß aus der DDR mit nur drei Fehlerpunkten. Bald flog auch der Sieger ins warme Nass, nachdem dieser schon vorsorglich nur noch die Badehose anhatte. Aber zum Gaudi aller schob man seine Schuhe auf dem Wasser zu ihm hinaus - sie gingen nicht unter! - und schließlich flog auch noch der Trainingsanzug nach, den er aber mit viel Glück in der Luft fangen konnte.

Um den 2., 3. und 4. Platz musste ein Stechen ausgetragen werden, denn jeder dieser Drei hatte 8,7 Punkte erreicht. Es waren dies Lupart aus der Schweiz, über dessen Boot ich später noch ein paar Worte sagen werde, Kardatzki und Holtzwarth. Es waren im Stechen zwei Runden und eine Schleife zu fahren, und danach ergab sich folgender Stand:

1. Rauchfuß

DDR

3 Fehlerpunkte

2. Holzwarth

D

8,7 Fehlerpunkte

3. Lupart

CH

8,7 Fehlerpunkte

4. Kardatzki

D

8,7 Fehlerpunkte

5. Nawlevski

SU

11 Fehlerpunkte

6. Dezone

B

16,7 Fehlerpunkte

6. Belatti

I

16,7 Fehlerpunkte

8. Buwasski

PL

19,7 Fehlerpunkte

8. Wagner

DDR

19,7 Fehlerpunkte

10. Uttinger

CH

22,8 Fehlerpunkte

11. Legros

F

24,7 Fehlerpunkte

11. Przybysz

PL

24,7 Fehlerpunkte

1978_wm_6

F 5-X Junior

Am Montagnachmittag kamen dann zum Abschluss des Tages die Junioren- Läufe der Klasse X an die Reihe. Als „Junior" gilt man bis zum vollendeten 18. Lebensjahr.

Da sich in dieser Gruppe nur sechs Bewerber gemeldet hatten, waren die vier zu fahrenden Läufe auch gleichzeitig die Entscheidungs- und Endläufe.

Nachdem im 1. Lauf unter begeisterten Rufen ein Italiener mit fast einer Bojenlänge durchs Ziel ging und diese Leistung auch im 2. Lauf wiederholen konnte, stand für die meisten schon der Sieger fest. Aber im 3. Lauf klappte es halt doch nicht so, und diesmal konnte er nur den 3. Platz erreichen. Wie wird es nun ausgehen? Im 4. und letzten Lauf lag er durch Missgeschick - was wir alten Hasen schon oft genug selbst erfahren haben - an vierter Stelle. Aber an der letzten Wendeboje verfehlte der Feldanführer die Boje und kollidierte mit den beiden Verfolgern. In dem Durcheinander konnte sich der italienische Junge freihalten und mogelte sich geschickt durch und fuhr allen davon. Nachdem die Wettkampfleitung schon zwischendurch die Rufe der mitfahrenden Väter und Vereinskollegen unterdrücken musste, schallten aber jetzt die Anfeuerungsrufe über das Wasser. Und bis die Gegner wieder in Fahrt waren, passierte der Sieger schon die Ziellinie.

Auch ich musste dem Sieger, wie viele andere, von Herzen gratulieren. Man wollte den Jungen schon angezogen ins Wasser werfen, aber man bremste dann doch, und er wurde nur bis zu den Knien ins Wasser abgelassen.

Die Ergebnisliste sah dann so aus:

1. Borgatta Andrea

I

5,7 Fehlerp.

2. Fahnler

A

19,4 Fehlerp.

3. Taddei

I

23,3 Fehlerp.

4. Todtenhaupt

DDR

29,0 Fehlerp.

5. Mihm

D

32,6 Fehlerp.

6. Marcianowski

PL

43,2 Fehlerp.

An dieser Stelle sei gefragt, ob es eigentlich nicht mehr jugendliche Bootsfahrer gibt, oder anders herum, ob es nicht mehr Väter gibt, die ihre Söhne (und Töchter!) nicht auch für diesen Sport begeistern können. Da ich mich selbst an der Nase ziehen muss, werde ich zumindest die Angelegenheit mit meinem Sohn diskutieren.

10-Rater Senior

1978_wm_3Am Mittwoch begannen dann die 22 Teilnehmer der 10-Rater ihre Vorläufe. Wieder in vier Gruppen, wobei von uns Etzel, Holtzwarth, Kardatzki und Leister teilnahmen. Außerdem war der Junior Martin Mihm mit von der Partie, da sich sonst kein Jugendlicher in dieser Klasse gemeldet hatte.

Und am Mittwoch begann auch die große Pleite, was den Wind betrifft. Man musste bis 11.00 Uhr warten, bis dann der 1. Lauf versucht wurde. Mit Hängen und Würgen kam man über die Runde und schaltete wieder eine Unterbrechung ein. Den zweiten Lauf musste man zweimal unterbrechen, und erst beim dritten Versuch um 13.00 Uhr konnte er zu Ende geführt werden. Unser Leister Paul lag dabei weit in Führung, aber dann: Störung in der Anlage! Und so wurde er in diesem Lauf Letzter.

Im 5. Lauf hatten dann seltsamerweise gleich zwei Teilnehmer Störungen. Man hatte das Gefühl, dass irgendwer bewusst stört. Aber der Kontrollempfänger konnte nichts feststellen. Jede Kontrolle ergab: Keine Fremdstörung.

Dann gab es da noch ein Ärgernis: Am Ufer schwamm massenweise der vom Wind angetriebene Dreck im Wasser. Am nächsten Tag wurde dieser dann mit Hilfe eines Motor- und Ruderbootes beseitigt.

Für den Endlauf am Donnerstagnachmittag hatten sich außer Junior Mihm und Holtzwarth, dessen Boot bei starkem Wind besser läuft, alle anderen drei Deutschen platziert. Somit stellten wir von 12 Booten 25 Prozent der Endlaufteilnehmer. Wie wird es ausgehen? Können wir auch einen Weltmeistertitel mit nach Hause nehmen?

Dann war es soweit: Endlauf der 10-Rater. In 13 Läufen sollte die Entscheidung fallen. Es gab nun - wie erwartet - wieder sehr spannende Läufe. Natürlich mussten nun die Deutschen oftmals gegeneinander antreten und sich selbst Punkte geben. Aber das war nun mal nicht zu vermeiden. Im zehnten Lauf standen sich die bis dahin aussichtsreichsten Segler in einem Lauf gegenüber: Der Franzose Jahan, Etzel und Kardatzki, wobei Etzel als Erster durchs Ziel ging.

An der Anzeigetafel entstanden heiße Diskussionen über das Wenn und Aber der nächsten Läufe. Aber bereits nach dem elften Lauf stand der Sieger fest. Etzel hatte die wenigsten Punkte - und war nicht mehr zu schlagen! Wir hatten also doch einen Weltmeister!

Es stellte sich dann beim Addieren der Punkte heraus, dass es für Platz 4 drei Punktgleiche gab. Also wieder ein Dreierstechen. Das Ergebnis ist aus der anschließenden Tabelle zu ersehen. Nun ging's wieder ans Vermessen der ersten drei Boote. Auch hier wieder heiße Debatten über Etzels Boot, weil er das Kopfbrett zwar 25 mm breit hatte, dieses aber nicht - trotz Keep - am Mast anfing. Vom Mast ergaben sich deshalb 30 mm. Sollte man deswegen den Titelerringer disqualifizieren?

Dieses Thema reizt mich schon immer zur Kritik! Wenn ein Boot oder ein Segel vor der Regatta durch eine Prüfungskommission für in Ordnung befunden wurde, kann man m. E. nachher keine Disqualifikation aussprechen. Es sei denn, jemand hat sein Boot nachher verändert. Aber Segelfläche ankleben scheidet wohl aus. Und warum prüfte man in Italien nicht nochmals die Wasserlinie? Der Messbehälter war gar nicht da. Oder die Anordnung der Akkus oder des Bleikiels? Damit soll man bei manchen Booten die Wasserlinie verändern können!

Ähnlich wie bei Etzel ging es am russischen Boot zu. Man hatte zwar bei der Vorprüfung die Achterliekbreite auf max. 65 mm festgelegt, obwohl in den Vermessungsvorschriften dort keine klare Aussage getroffen wird, aber man hatte bei den 10-Ratern nicht die umstrittene ,,Achterliekgerade" beanstandet, die bei dem russischen Boot in nicht mehr zu überbietender Form vorhanden war. 65 mm von oben bis unten und dann als Abschluss einen Kreisbogen dran. Ich habe bei der Vermessung selbst erlebt, wie ein Ungar extra gefragt hat, ob dies an seinem Boot nicht beanstandet wird. Nein hieß es! Jetzt also Kritik und betretene Gesichter.

Schließlich ließ man alles gelten, denn bei Etzel stellte sich heraus, dass der Bemessungswert 10 trotzdem nicht überschritten würde. Jetzt wurde auch Etzel dem feuchten Element mit Schwung übergeben. Er klagte noch geraume Zeit später über das harte Auftreffen auf dem Wasser. Aber das muss ein Weltmeister aushalten!

So stand denn die Platzierung wie folgt ,,amtlich" fest:

1. Etzel

D

6,0 Fehlerp.

2. Jahan

F

11,0 Fehlerp.

3. Bondarenko

SU

11,4 Fehlerp.

4. Fejes

H

11,7 Fehlerp.

5. Leister

D

11,7 Fehlerp.

6. Crespi

I

11,7 Fehlerp.

7. Suwalski

PL

16,7 Fehlerp.

8. Nalewski

SU

19,4 Fehlerp.

9. Kardatzki

D

19,7 Fehlerp.

10. Sacchetto

I

21,7 Fehlerp.

11. Badinelli

I

21,7 Fehlerp.

12. Rauchfuß

DDR

22,4 Fehlerp.

Plätze 4, 5 und 6 nach Stechen.

1978_wm_8

Und wer sich dafür interessiert, mit was für einem „tollen Boot" Etzel seinen Sieg errang, dem sei verraten, dass Etzel eine „alte, aufpolierte Gurke" fährt, der man solche Eigenschaften gar nicht zutraut. Aber der Rumpf allein bringt noch keinen Sieg, dafür der Schnitt des Segels, das Können und - etwas Glück.

F 5-M Junior

Nun waren also die M-Junioren an der Reihe. Zehn an der Zahl, davon zwei Deutsche. Junior Martin Mihm und Junior Jochen Weiß.

Es gab zwei Vorläufe, und wie bei den X-Booten fuhren anwesende Mütter und Väter fleißig „mit". Aber diesmal hatte man die Junioren von evtl. beeinflussenden Zurufern durch seitliche „Aufpasser" abgeschirmt. Den moralischen „Heimvorteil" hatten natürlich die Italiener, was sich wieder durch lautstarke Anfeuerungsrufe äußerte. Ob es helfen wird?

Nun, im Endlauf waren die beiden italienischen Jungen dabei, und es freute einem, dass ihnen diese Leistung auch trotz der Abschirmung gelang. Denn nun konnte niemand mehr sagen, dass evtl. die Väter gesiegt hätten.

Die Überraschung allerdings war, dass der österreichische Junior als Sieger hervorging. Die Spitzengruppe der Junioren hatte folgende Reihenfolge:

1. Fahnler A
2. Borgatta I
3. Taddei I
4. Mihm D

F 5-M Senior

Die Ermittlung des Weltmeisters in der M-Klasse hatte man auf den Schluss der Veranstaltung gelegt. Sozusagen als Höhepunkt des Ganzen, denn die M-Boote sind nach wie vor die beliebteste Klasse.

Die Vorläufe der 28 Teilnehmer fanden wieder in vier Gruppen ab Freitag früh statt. Nachdem gegen Morgen ein vierstündiges Gewitter die Luft gereinigt hatte, machte zunächst der Wind etwas Sorgen. Jedoch legte er sich bald wieder.

Die Vorläufe gingen denn auch zügig über die Bühne bzw. das Wasser. Aus Deutschland waren hier Büsgen, Nieweg und Schneidemesser vertreten. Nieweg konnte sich in der 1. Gruppe leider gegen sehr starke Gegner nicht unter die ersten Drei schieben. Dorthin musste man aber kommen, um am Endlauf teilnehmen zu können, denn es waren hierfür zwölf Teilnehmer vorgesehen.

Zu erwähnen ist vielleicht noch, dass in den einzelnen Vorläufen mit jeweils sieben Teilnehmern pro Lauf nur vier Boote starteten, so dass es eigentlich ein genüssliches Segeln ohne Gedrängel war. Aber ein Fehler oder eine falsche Einschätzung wirkte sich oft entscheidend aus.

Schließlich waren die zwölf Endlaufteilnehmer ermittelt, und man begann mit dem Endlauf, obwohl es bereits nach 18.00 Uhr war. Der 1. Lauf brachte manchen um die Wegerechtsregeln nicht Bescheid wissenden Zuschauer zum Staunen. Und auch ich musste mich wundern, wie man seinen Gegner bei Anwendung dieser Regeln ausschalten kann. Das spielte sich so ab: Die Startzeit lief ab, und die letzten 3-4 Sekunden fegte Jahan bei gutem Wind mit seinem Boot auf Backbordbug längs der Startlinie entlang auf die anderen drei Boote zu, die sich dort an der anderen Boje gerade dicht an dicht auf die Überschreitung der Startlinie konzentrierten. Jahan hatte also Wegerecht und rammte das Boot von Nawlevski und meldete sofort Protest an. Da sich die heftige Auffahrt auch auf die anderen Boote übertrug, kam das Knäuel von Booten nicht weg. Also Startwiederholung, und dies ohne Nawlevski, der gemäß den Regeln vom weiteren Start ausgeschlossen wurde. Da er damit automatisch als Letzter eingestuft wurde und auch noch die Protestpunkte erhielt, zusammen also 9,4 Punkte, bedeutete dies für ihn bereits das „Aus" in der Spitzengruppe. Vor zwei Jahren in Hamburg wurde er Zweiter bei der Europameisterschaft.

Beim zweiten Startversuch wiederholte sich das Spiel fast nochmals. Diesmal eben mit drei Booten. Jahan fegte abermals auf Backbordbug die Startlinie entlang. Vasulka sah die Gefahr nun auf sich zukommen und drehte sein Boot schnell ebenfalls auf Backbordbug und rammte nun seinerseits das Boot von Uttinger, der diesmal also der Dumme war. Uttinger drehte sofort an Land und nahm nicht am weiteren Lauf teil, wodurch er sich die Protestpunkte ersparte. Nun waren also nur noch zwei Boote auf Kurs, und für Herrn Jahan war es ein leichtes, den Lauf zu gewinnen. Bei den nächsten Starts war man gewarnt, und jeder dachte beim Start: Vorsicht „Backbordfalle"!

Im 2. Lauf hatte Lupart Pech und blieb an der 1. Boje hängen bzw. dort im Wind stehen. Und im 3. Lauf war zu verzeichnen, dass den Lauf Schneidemesser vor Jahan gewinnen konnte. Als dann im 4. Lauf Jahan wieder mit 0 Punkten durchs Ziel ging, dachte man „Oha, hier ist wahrscheinlich der Sieger zu erwarten".

Es wurde zwar noch an diesem Abend der 5. Lauf gefahren, aber dieser wurde am nächsten Tag mit Einverständnis der Beteiligten wiederholt.

Am Samstag erreichte dann unser Schneidemesser im 7. Lauf ebenfalls 0 Punkte und zog damit wieder mit Jahan punktgleich. Im 10. Lauf gelang Jahan dann der dritte Nullauf. Spannender konnte es gar nicht mehr werden!

Der bis dahin amtierende Europameister Devillez erreichte einmal 3, dann 0 und dann 8 Punkte, so dass er für die beiden keine unmittelbare Gefahr mehr bedeutete. Durch einen Sieg im 12. Lauf konnte er sich jedoch noch den dritten Platz sichern.

Wie ging's weiter? Schneidemesser war im 13., dem letzten Lauf, nochmals dran. Also Spannung bis zuletzt. Hier hatte er einen harten Kampf gegen Büsgen, dem vorjährigen Deutschen Meister, auszutragen, der auf der ganzen Strecke vor Schneidemesser führte. Erst auf der Zielgeraden konnte Schneidemesser vorbeiziehen, nachdem das Boot von Büsgen Störung hatte.

1978_wm_9Nun war also Punktgleichheit erreicht und wieder ein Stechen auszutragen. Jahan zeigte aber bei diesem Stechen, was er und sein Boot kann und zog unangefochten über den Kurs und wurde damit Weltmeister. Man gönnte es allgemein dem jungen, sympathischen Franzosen. Auch er durfte anschließend nach der Nachvermessung der Boote dem Wasser einen Besuch abstatten, wobei ihm ein (französischer) Hund Gesellschaft leistete.

Die Reihenfolge der M-Segler sah dann so aus:

1. Jahan

F

3,0 Fehlerp.

2. Schneidemesser

D

3,0 Fehlerp.

3. Devillez

B

11,0 Fehlerp.

4. Bicheron

F

11,7 Fehlerp.

5. Steer

B

14,0 Fehlerp.

6. Schmidt

A

16,7 Fehlerp.

7. Nawlevski

SU

17,4 Fehlerp.

8. Büsgen

D

19,7 Fehlerp.

9. Lupart

CH

22,4 Fehlerp.

9. Crespi

I

22,4 Fehlerp.

9. Vasulka

A

22,4 Fehlerp.

12. Uttinger

CH

22,8 Fehlerp.

1978_wm_7

Somit waren die gesamten Läufe der 1. Weltmeisterschaft beendet und man setzte sich am ,,Kampfgelände" vor der Bar zusammen und feierte. Programmgemäß war ein Presseempfang im Hotel vorgesehen, aber man hatte irgendwas vergessen zu organisieren, und so fiel dies aus. Darüber war man allgemein nicht böse. Man wunderte sich höchstens.

Boote - Rückblick - Ausblick

Manchen Leser wird natürlich interessieren, was es Neues oder Besonderes in Mailand zu sehen gab. Was fuhr man für Boote? Nun, auch hierzu einige Worte.

Bei den X-Booten fiel mir bei einigen Booten der Italiener eine eigenwillige Rumpfform auf. Die Boote waren enorm schlank gebaut, und das Heck war fast genau so spitz wie das Vorschiff geformt. Warum nicht? Ohne Segel, Ruder und Blei musste man schon genau hinsehen um zu wissen, wo vorne und hinten ist. Und man konnte feststellen, dass die Boote recht gut liefen.

Italiener und auch Jahan hatten Teile des Decks mit mehr oder weniger durchsichtigen Folien oder GFK- Platten und Klebefolie so verschlossen, dass man zu Reparaturzwecken leicht an die „Eingeweide" gelangen konnte. Jahan hatte auch eine eigene Fockverstellung eingebaut, die ihm bei leichtem Wind das Herüberholen der Fock auf die andere Seite erleichterte. Diese Einrichtung wurde durch ein Servo betrieben.

1978_wm_5Besondere Erwähnung bedarf es der Boote von Lupart aus der Schweiz. Diesen hatte es offensichtlich so „gepackt", dass er - als ehemaliger Schiffs- und jetziger Flugzeugkonstrukteur - mit wahrem Forscherdrang Boote zu bauen begann. Nach seinen Aussagen konstruierte er in zweieinhalb Jahren elf Bootsrümpfe. Jedes Mal in GFK mit eigener Negativform usw. Außerdem versuchte er, bei extremen Forderungen alles so einfach als möglich zu bauen. Er fährt einen drehbaren Mast mit drehbarem Großbaum, der eine Anschlagbegrenzung hat. Das überraschende dabei ist, dass er diesen Mast trotz sehr leichter Drehbarkeit mit nur zwei hart gespannten Wanten fährt. Also keine Unterwanten und vor allem kein Achterstak! Der Mast wurde aus sechs Epoxyd-Halbschalen mit Kohlestofffasern hergestellt und ist entsprechend seiner Beanspruchung vorgespannt worden. Die Materialkosten sollen allein etwa 200 Franken gekostet haben. Aber auch sonst sind noch einige Feinheiten und Raffinessen vorhanden, über die Lupart ohne Geheimnistuerei Auskunft gibt. Bedingt durch seinen Beruf hatten seine Boote natürlich bis ins kleinste Detail feinmechanische Sauberkeit in der Ausführung und wurden allgemein bestaunt und bewundert. Ich kann ohne Übertreibung sagen, dass er für den Segelbootsbau etliches Neues, Besseres entwickelt hat, was so nach und nach seine Nachahmung in allen Ländern finden wird.

Meistens schaut man sich die Bootsrümpfe und Beschläge an. Aber viel wesentlicher als dies ist der Segelschnitt und der Stand des Segels. Wenn man sich die Segel der Spitzenleute ansieht, so wird man immer wieder feststellen, dass diese eine saubere Wölbung über den ganzen Bereich und somit eine gute Antriebskraft haben. her eine weniger angenehme Randerscheinung muss ich auch noch berichten: Man hörte ja schon, dass in Italien viel und dreist gestohlen wird. Und so erwischte es auch einige Modellfreunde. So stahl man aus einem verschlossenen Auto Herrn Lupart seine Foto- und Filmausrüstung, sonstige Wertsachen, Geld und Papiere. Wert etwa 6000 DM! Und das Auto hat man anschließend wieder verschlossen! Kein Wunder, dass Lupart am nächsten Tag trotz Badekostüm immer seine letzte Habe, die Fernsteuerung, mit sich in einer Plastiktüte herumtrug.

Und Herrn Leister schlug man auf einem bewachten Parkplatz eine Scheibe am Auto ein und entwand daraus drei Fernsteuerungen mit Zubehör, Papiere und Scheckformulare (soll man ja auch nicht im Auto lassen, Herr Leister!). Wert etwa 5000 DM. Aber das Unerwartete dabei war dies, dass man den Einbrecher am nächsten Tag bzw. der nächsten Nacht bei einem neuen Einbruch außerhalb Mailands erwischte und alles, aber auch alles unberührt bei ihm fand. Die Polizei brachte dann alles auf das Regattagelände.

Und zum Ablauf dieser 1. Weltmeisterschaft wäre zu sagen, dass es wohl kaum jemanden gelingen wird, alles perfekt und zu aller Zufriedenheit zu organisieren und ablaufen zu lassen. Die Vororganisation war - wie bereits gesagt - recht gut. Aber bei den eigentlichen Wettkämpfen haperte es doch hin und da beträchtlich.

Thyen ist viel zu verdanken, dass einige Mängel nicht stärker zutage traten, denn mit seiner reichen Erfahrung konnte er so manches beeinflussen und lenken. So wurde auch manches unfaire Fahren oder manche Protestsituation dadurch entschärft, dass er vom Schiedsrichterturm vorwarnende Hinweise verlauten ließ.

Im Großen und Ganzen war es ein schönes Erlebnis. Und man kann sich schon jetzt auf die nächste ,,Großveranstaltung" dieser Art freuen, die in zwei Jahren in Ungarn südlich des Plattensees stattfinden soll.

logosmOriginal erschienen in der Zeitschrift Schiffsmodell  des Neckar-Verlags 6/1978 Autor:Kurt Lauschmann. Sollten hiermit irgendwelche Rechte verletzt werden bitte melden. Ich werde dann den Artikel sofort entfernen.

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