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In Europa gibt es zwei Modellboot-Dachverbände. Die Naviga. in der alle Arten von Modellbooten erfasst sind, und die „Internationale Modell Yacht Racing Union" IMYRU, in der nur Modellsegler zusammengeschlossen sind. Mitglieder des Deutschen Segler Verbandes (DSV) können an IMYRU-Veranstaltungen teilnehmen. Naviga-Mitglieder dürfen nur als Zuschauer dabei sein. Dass diese beiden Dachverbände nicht unter einen Hut zu bekommen sind, ist nicht einzusehen.

1982_duenkirchen_1So kam es, dass vom 18. bis 25. Juli eine Weltmeisterschaft der Modellsegler mit Teilnehmern aus 17 Nationen stattfand, an der auch deutsche Segler beteiligt waren. Da diese dem DSV angehören mussten, waren nur 3 Berliner und 2 Westdeutsche am Start. Sie bildeten nun keineswegs die Elite der deutschen Modellsegler, sind aber doch durchweg gute Skipper mit Erfahrung auf nationalen und internationalen Wettbewerben. Dass sie in den Siegerlisten an der Spitze stehen würden, war nicht zu erwarten. da gerade die Franzosen und die Engländer hervorragende Segler und Revierkenner in ihren Mannschaften hatten. Dass aber auch die Skandinavier so gut abschneiden konnten, war nicht zu erwarten. Sicherlich haben sie zu Hause ähnliche Windverhältnisse wie an dem küstennahen See in Dünkirchen. Natürlich waren auch andere Nationen in der A-Gruppe vertreten, und auch in der B-Gruppe konnten nur Spitzensegler ihren Platz behaupten. Gerade in dieser Gruppe fanden die verbissensten Kämpfe um die ersten vier Aufsteigerplätze statt. Hier gab es die meisten Proteste. Zeitweise kamen die 12 beobachtenden Schiedsrichter nicht mit dem Notieren der Protestrufe mit, wobei die Sprachschwierigkeiten auch eine Rolle spielten. So war es nicht weiter verwunderlich, dass bei jeder Protestverhandlung, die immer gleich nach jedem Lauf stattfand, eine Verzögerung eintrat, so dass der Ablauf der Veranstaltung oft in Frage gestellt schien. 1982_duenkirchen_2Es konnte ja nicht gestartet werden, da die Schiedsrichter mit dem Auswerten der schriftlichen Proteste beschäftigt waren. Dass dieses nicht immer für alle Beteiligten zufrieden stellend ausfiel, liegt in der Natur der Sache. Sehr hilfreich war dabei, dass mehrere Video-Kameras den Kurs beobachteten. Auch bei der Vermessung der Boote half die elektronische Auswertung mittels eines Computers. Die Unterbringung der Boote und der Teilnehmer war zufrieden stellend. Zwischen den Läufen wurden die Boote in einer Halle abgestellt. Da es die meiste Zeit mit Windstärken von 4 bis 6 Beaufort wehte, das sind etwa 20 Knoten, war eine geschützte Unterbringung der Boote unumgänglich.

Nicht alle Teilnehmer waren auf solch harte Wetterbedingungen eingestellt und hatten mindestens drei Satz Segel in abgestufter Größe in ihrem Gepäck. Die Engländer lachten nur, weil sie bei solchen Windverhältnissen oft segeln, und auch die Skandinavier waren nicht überrascht. Aber selbst Spitzensegler wie der Europameister Lupart aus der Schweiz wurden hier mit Verhältnissen konfrontiert, die sie nicht einkalkuliert hatten. So schwand manche Siegeshoffnung schon bei den Vorläufen des ersten Tages. Im gleichen Maße schwanden bei diesen Teilnehmern auch die Segelflächen unter der Schere. Selbst Mylar-Supersegel wurden ohne Bedenken kupiert, und aus manchem hohen Rigg wurde ein „Cutty Sark", ein kurzes Hemdchen. Das niedrigste Sturmrigg fuhr ein Engländer mit einem nur 85 cm hohen Mast. Die meisten Sturmriggs hatten aber Masten von 1,20 bis 1,50 m Länge. Dabei waren die Segelflächen auf 75 bis 50 % reduziert. Damit kamen noch viele Boote ins Surfen und einige sogar ganz einwandfrei ins Gleiten. Wenn dann mehrere Boote mit „Schaum vorm Maul" nebeneinander über das Wasser schossen, mussten die Skipper schon gute Nerven und eine ruhige Hand behalten, wenn sie an die Bojen kamen. 1982_duenkirchen_3Leider waren sie nicht immer der Situation gewachsen, und oft hingen drei oder mehr Boote zusammen, so dass fremde Hilfe in Anspruch genommen werden musste. Oft waren die Boote einfach überfordert, weil die Segelflächen noch zu groß waren und die Boote sich nicht wenden ließen. Fangleinen hinderten die Boote daran, das Regattarevier zu verlassen. Sie schlossen aber auch die zahlreichen Surfer und Optimistensegler aus, die den See befuhren. Ein englischer Teilnehmer hatte auch einen Mini12er mitgebracht, mit dem ich einige Male segeln konnte.

Für die Sehenswürdigkeiten von Dünkirchen blieb kaum jemand Zeit und Muße. In jeder freien Stunde wurde an den Booten repariert. Dicks musste einen neuen Kiel bauen. Chare ließ seinen Sender ins Wasser fallen, Lupart verkleinerte unentwegt Segel und brachte die restlichen Teile wieder gut zum Stehen. Einer sprang seinem Boot nach und rettete es vor dem Untergang. Die Australier kämpften die ganze Zeit mir ihren RC-Anlagen. Ruderkoker wurden neu eingeleimt und Decks wieder mit dem Rumpf vereinigt. In der Halle sah es aus wie auf einem Schlachtfeld, und nur wenige Teilnehmer waren mit den Verhältnissen zufrieden, wie zum Beispiel Barry Jackson aus Manchester. Er lachte nur und meinte, dass er mit dem Wetter zufrieden sei. Bei ihm zu Haus weht immer solch schöner Wind.

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1982_duenkirchen_4Im Verlauf der Regatta wechselten die Plätze der Teilnehmer sehr oft, ohne dass man davon erfuhr, weil keine Tafel mit den jeweiligen Ergebnissen über den Stand der einzelnen Läufe informierte. Es wurden lediglich Zettel mit den Namen der Teilnehmer der folgenden Gruppen ausgehängt. Wer nicht aufpasste, erlebte zur eigenen Überraschung, dass er eine Gruppe aufgerückt war, weil andere disqualifiziert wurden. Die Verhandlung der Proteste erfolgte unter Ausschluss der Öffentlichkeit, und es war deshalb nicht einwandfrei festzustellen, auf welchem Platz sich die einzelnen Segler befanden.

Diese Information erhielt man bei der Siegerehrung. Nach endlosen Reden und Danksagungen war es dann endlich soweit, und für einige Teilnehmer gab es gute oder böse Überraschungen, für alle ein Erinnerungsgeschenk und für die Sieger Pokale. Am erfolgreichsten waren der Franzose Pierre Gakaun, der den ersten Platz bei den Tenratern und den zweiten Platz bei den Marbleheads belegte, und der Engländer Barry Jackson, der den zweiten bei den Zehnern. und den ersten der M-Klasse belegte!

1982_duenkirchen_5Die deutschen Teilnehmer belegten folgende Plätze:

Tenrater: Rotti 34 - Voelz 25 - Schmitt 12.

Marbleheads: Rutetzki 20 - Schmitt 18 - Piel 17.

Diese Reihenfolge sagt aber nichts über die tatsächlichen Leistungen aus, da das deutsche Team durch falsche Informationen nur unzureichend auf die zu erwartenden Schwierigkeiten vorbereitet war. Es war aber für alle Teilnehmer ein großer Gewinn, dabei gewesen zu sein und sich mit Teilnehmern aus 17 Nationen gemessen zu haben.

Technik

1982_duenkirchen_6Da die Weltmeisterschaft in Dünkirchen nach den IMYRU-Regeln ausgetragen wurde, ergab sich natürlich, dass die Segel auch nach diesen Bestimmungen vermessen wurden. Dazu gehört auch, dass die Achterliekrundung nach eigenem Ermessen ausgeführt werden konnte. Fast alle Teilnehmer nutzten die 5 cm Zugabe von oben bis unten voll aus. Bei einem hohen Rigg ergibt sich ein Gewinn von 4,5 qdm.

1982_duenkirchen_7Sehr wenige Teilnehmer fuhren einen drehbaren Mast und viele verzichteten sogar auf eine Keep. Das Segel wurde an einem Jackstag - das ist ein Stahldraht hinter dem Mast - oder einfach mit Ringen aus dünnem Stahldraht am Mast befestigt. Bei den herrschenden Windstärken war das eine wie das andere gleich gut. Es ist sowieso zu überlegen, ob wir nicht theoretische Überlegungen viel zu hoch bewerten und deshalb einen oft unnötigen Aufwand treiben. So hatten z.B. die Siegerboote alle eine einfache Pendelfock, bei der ein einfacher Baum wie ein Waagebalken aufgehängt ist. Viel wichtiger ist der einwandfreie Stand des Segels. Hier war deutlich zu erkennen, dass man mit herkömmlichen Segeln aus einem Stück heute nicht mehr viele Chancen hat, und auch das Material, aus dem die in Bahnen geschnittenen Segel angefertigt waren, ließ keinen Trend erkennen. Vom durch- sichtigen superleichten Mylar bis zum weichen 150 g schweren Stoff war alles vertreten. Nur leichter und weicher Spinnakerstoff war nirgends zu sehen. Man bevorzugte Stoffe, bei denen die Form des Segels auch ohne Wind erhalten blieb. Fock- Zwangsverstellung und Focktrimmung waren häufig vertreten. Durchweg wurde nur eine Winde gefahren und Sender mit Schiebereglern waren nur vereinzelt zu sehen. Der Nachteil dieser Sender, dass man die Stellung des Reglers nicht erfühlen kann wie beim herkömmlichen Knüppel, wäre bei den harten Kämpfen nicht zu verkraften. Man durfte das Boot keine Sekunde aus den Augen lassen. Ein Kontrollblick zum Sender wäre bei den gefahrenen Geschwindigkeiten unmöglich gewesen.

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1982_duenkirchen_101982_duenkirchen_11Über die Bootsformen etwas auszusagen ist leider nicht möglich. Sie waren alle gut. Das schnellste Boot gehörte dem Norweger Torwald Klem. Dass er „nur" den dritten Platz belegte, hatte er einem Ruderschaden zu verdanken. Sein Boot unterschied sich nicht sehr von dem englischen Siegerboot.

Das Boot des französischen Meisters Pierre Jahan war ein breiter Knickspanter. Auch sein 10er ist in gleicher Bauweise aus Holz gebaut. Den Riss dieses Siegerbootes hat uns Pierre freundlicherweise zur Veröffentlichung freigegeben.

1982_duenkirchen_13    1982_duenkirchen_12

logosmOriginal erschienen in der Zeitschrift Schiffsmodell  des Neckar-Verlags 9/1982 Autor:F.K. Ries. Sollten hiermit irgendwelche Rechte verletzt werden bitte melden. Ich werde dann den Artikel sofort entfernen.  

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