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3.IMYRU-Europameisterschaft der Klasse RM vom 2. bis 9. Sept. in Italien

Alle zwei Jahre, so der offizielle Turnus, veranstaltet die International Model Yacht Racing Union, der Weltverband für RC-Yachtsegeln, eine Europameisterschaft. Die erste fand 1983 in Schweden statt, 1987 war man in Holland angetreten, und für dieses Jahr hatte sich Italien als Ausrichter gefunden. Als Austragungsort hatte man Orbetello gewählt, das ist ein kleiner Mittelmeerort, etwa 100 km nördlich von Rom, vor der kleinen Halbinsel Monte Argentario liegend. Diese Halbinsel ist durch zwei Landzungen mit dem Festland verbunden, dazwischen befindet sich Orbetello, umgeben von zwei Lagunen, die sich aufgrund des relativ ruhigen Wassers sehr gut zum Segeln eignen.

Der altansässige Wassersportverein (seit 1889) verfügt über ein recht großes Wassergrundstück, auf welchem sich im 2.Weltkrieg einmal ein Flughafen für Wasserflugzeuge befunden hat. Einige Fotos im Clubhaus sowie Ruinen drumherum zeugen davon. Italientypisch machte alles einen etwas verkommenen Eindruck, aber für diese Meisterschaft war alles da.

Der Deutsche Segler-Verband hatte ursprünglich vier Startplätze zugeteilt bekommen, die man mit unseren Seglern J. Walicki, P. Gernert, W. Gerhardt und W. Krüll belegte. Einige Wochen vor dem Starttermin gab es dann noch einen fünften dazu - das war meine Chance. Mit vielen guten Wünschen, aber auch Unkenrufen über die vermutlich chaotische italienische Mentalität ging es dann auf Reise.

1989_em_3Sonnabend, der 2. September, war für Ankunft, Registrierung und Vermessung gedacht. Hatte es bereits am Vortage kräftig und andauernd geregnet, so war auch über Nacht keine Verbesserung eingetreten. Dazu fegte ein stürmischer Wind übers Wasser - oh sole mio! Für die Unterbringung der Yachten war ein großes Zelt aufgebaut, ähnlich wie bei der WM in Berlin, welches aber quer und sehr nah zum Wasser stand und - vermutlich um bei normalem Mittelmeerwetter einen Hitzestau zu vermeiden - lediglich Wände aus einer Art Fliegengitter besaß. Am Freitag, bei auflandigem Wind, war erst die eine Hälfte völlig eingeregnet, am Sonnabend bei ablandigem Wind dann noch die andere. An Gemütlichkeit kaum noch zu übertreffen. . .

Nichtsdestotrotz ging es drinnen. hoch her, irgendwie mußte man ja trotz der allgemeinen Nässe seine Sachen auspacken, das Boot zusammenbauen und Vorbereitungen treffen, z.B, noch fehlende Startnummern in die VorSegel kleben. Ab 10.00 Uhr konnte man zur Registrierung gehen, die durch einen Computer gut unterstützt wurde. Datenfehler konnten so sehr schnell behoben werden. Jeder Teilnehmer erhielt dabei, neben der Quarznummer für die ganze Woche, eine praktische wetterfeste Sporttasche, in der sich außer den noch nötigen Regattainformationen und der tragbaren Startnummer auch vier Eintrittskarten für Abendveranstaltungen sowie zwei Poster, zwei T-Shirts (eins davon mit EM-Emblem), 1 Flasche Wein aus dem Vereinskeller, eine Sonnenbrille und eine Probe Mittelmeersand (als Souvenir) befand. Lediglich Badehose & Sonnencreme fehlten noch, bzw. ein Regenschirm. Das alles machte schon einen sehr einladenden Eindruck. Offensichtlich hatte der Verein sehr gute Sponsoren für diese Meisterschaft gefunden, die die Möglichkeit zur Werbung auch ausnutzten.

Im Zelt hatte sich derweil Jan Dejmo, Segelreferent der IMYRU und hier als Jury-Mitglied eingeteilt, ein wenig die verschiedenen Segel prüfend angeschaut. Besonders meine reichhaltige Garderobe mit neun Segelsätzen (1986 in Fleetwood hatte ich nur drei Satz mit, und das war zu wenig!) hatte ihn neugierig gemacht.

Mit blauen, unschuldigen Augen mußte ich dann von ihm zur Kenntnis nehmen, daß einige Achterliekskurven meiner Sturmsegel nicht den Regeln entsprächen. Tja, ich hatte bei den Vorsegeln nachträglich Material abgeschnitten und dann die 90-cm-Radien nicht mehr neu angepaßt. Dieser sicherlich schwere und bedeutende Fehler fand sich aber - Gott sei Dank - auch noch bei einigen anderen. Die Korrektur erforderte lediglich Zeit und ein Lächeln. Eine heftigere kontroverse Diskussion über die Segelvermessung gab es dagegen zwischen ihm und Weltmeister Walicki, deren Ende allerdings Offen blieb.

Dieser (übrigens inoffizielle) KOntrOllgang J. Dejmos mit Radien-Schablone und Zollstock war dann aber auch alles, was man als "Vermessung" hätte bezeichnen können. Bei der offiziellen, zu der man ab Mittag gehen konnte und dazu Sack und Pack durch den Regen ins Clubhaus tragen durfte, wurde lediglich der Meßbrief eingezogen sowie Boot und alle Segel mit Stempelfarbe versehen. Selbige Farbe stellte sich dann auch noch als nicht wasserfest auf Mylarmaterial heraus und wollte z.T. auch einfach nicht trocknen, wodurch einige Segel ziemlich verschmiert wurden. Lediglich auf das Vorhandensein von Vermessungsmarken wurde sehr geachtet.

Nachdem über Mittag der Regen mit einem gewaltigen Schauer seinen Höhepunkt erreicht hatte, klarte es ab Spätnachmittag zunehmend auf. Hatte man sich die Konkurrenz bislang neugierig im Zelt angeschaut, trauten sich nun die ersten zum aktiven
Test.

1989_em_2Als erste auf dem Wasser, noch bei Regen, waren unsere österreichischen Freunde Dr. R. Stigler und sein Sohn Hermann, bald gefolgt von J. Walicki. Der Wind war nach wie vor mehr als kräftig, und in der Lagune hatte sich eine nette kabblige See aufgebaut. Nach und nach kamen immer mehr Boote dazu, die ersten Vergleiche und Testfahrten fanden statt. Dabei gab es auch die ersten Ausfälle: W. Gerhardts SKALPEL erhielt ein großes Loch ins Wabendeck gestanzt, und bei einem Franzosen löste sich von alleine die Decksfolie ab, was sein Boot mit einem Tauchgang quittierte. Glücklicherweise ist die Lagune nicht tief, die Bergung bereitete also keine große Mühe. Ich hatte mir u.a. Torwald Klems LADY JANE als Vergleichspartner ausgesucht. Nachdem wir etwa 30 Min. um einen inzwischen aufgebauten Kurs gefegt waren, wurde die LADY allmählich langsamer. Mit einer leichten Sorgenfalte auf der hohen Stirn holte der norwegische Riese sein Boot an den Steg, um es dann von weit mehr als einem Liter Wasser zu befreien. Das sei aber relativ normal, meinte er dabei. Auch andere Boote hatten mit Wassereinbrüchen zu kämpfen. Bei Stiglers fielen beide Fernsteuerungen aus. Habe ich es noch nicht erwähnt? Mittelmeerwasser ist salzhaltig . . .

Inzwischen hatte auch das Gelände mehr und mehr Regattacharakter bekommen. Wie gesagt, war es sehr großflächig, man konnte mit dem Auto bis ans Meer fahren und selbiges auch über Nacht dort stehen lassen. Der bereits vorhandene Steg wurde um ein paar Schwimmstege erweitert, die ersten offiziellen Bekanntmachungen schallten über gut verständliche Platzlautsprecher übers Gelände, sowohl in Italienisch wie auch in Englisch (der Wettkampfsprache), außerdem standen zwei Boote mit Außenborder zur Verfügung. Die Bojen waren einfach große Wasserbälle, die mit Netzen gehalten wurden. Zwei große Tafeln, eine am Steg, eine beim Clubhaus, gaben alle nötigen Informationen über den Regattaverlauf. All das machte einen sehr gut vorbereiteten und organisierten Eindruck, und ich dachte bereits mit Spott an all die Unkenrufe.

Gegen Ende desTages waren auch alle Teilnehmer eingetroffen: 45 Segler aus 13 Nationen, darunter auch der amtierende IMYRU-Europameister Jon Elmaleh aus New York, Weltmeister '88 J. Walicki, IMYRU-Weltmeister '86 P. Jahan sowie zwei uns unbekannte Größen aus dem fernen Neuseeland. Wen es vielleicht wundert, daß hier Leute aus Übersee antreten durften - die IMYRU veranstaltet offene Meisterschaften. Für diese Regatta waren auch einige Plätze für Segler aus reinen Naviga-Ländern
reserviert gewesen, doch leider war niemand dem Ruf gefolgt.  Auch für die nächste Meisterschaft der IMYRU, die nächstes Jahr auf Gran Canaria stattfinden soll, stehen für diese Länder Plätze zur Verfügung.

Neben den genannten, titelgeschmückten Highlights traf man wieder viele bereits aus den Vorjahren bekannte Gesichter und viele exzellente Segler und potentielle Medaillenträger, z.B. standen G. Bantock, C. Momo, P. Sol und C. Boisnault auf der Liste. Ein sehr starkes Feld - wer würde da gewinnen? Als stärkste Teams mit sieben Mann traten wieder einmal Frankreich und England auf, gefolgt von Italien mit sechs und Deutschland mit fünf Seglern. Leider war weder Schweden noch Dänemark oder Belgien vertreten.

Der erste Eindruck von den Booten: noch leichter, schneller, und wo bleibt das normale Rigg? Swing-Rigs überall! Naja, abends beim Pizza-Essen im Ort waren wir sehr gespannt auf die folgenden Tage.

Am Sonntag schien endlich die Sonne, so wie man es sich von der Gegend auch vorgestellt hatte. Der Wind war immer noch kräftig, und bis zum Mittag hatten wir noch Gelegenheit zum Testen, bevor es ernst werden sollte. Bei einer Testfahrt takelte W. Gerhardts Schiff ab, nachdem ein Want einfach gerissen war.

Das Eröffnungszeremoniell war angenehm kurz, keine langen Reden, lediglich begrüßende Worte einiger verantwortlicher Herren. Anschließend wurden die Teilnehmer je Land einzeln aufgezählt und die jeweilige Nationalhymne gespielt, letzteres war leider kein Ohrenschmaus. Dann hätte es eigentlich losgehen können, aber erstmal gab es Mittagspause und Lunch. Gegen 15 Uhr ging es dann endlich los.

Fünf Einteilungsläufe waren vorgesehen, zur Verteilung der Starter auf die einzelnen Gruppen hatte man das englische Grill-Hazzard-System verwendet, das bedeutet, daß die Gruppen bereits für alle 5 Läufe fertig zusammengestellt waren. Die einzelnen Gruppen waren zwischen 10 und 12 Booten groß. Ursprünglich waren bloß zwei unterschiedliche Kurse vorgesehen, die durch Flaggen am Signalmast angezeigt wurden. Im Laufe der Woche änderte sich das jedoch aufgrund der Windverhältnisse die neuen Kurse wurden dann am Notice Board am Beginn des Steges angezeichnet. Jeder Starter mußte bei Betreten der Steganlage eine Klammer mit seiner Startnummer an die ausgehängte Gruppenliste klemmen, ebenso (eigentlich) die Observer. Letztere wurden aus dem Teilnehmerfeld benannt, jeweils drei Mann, was bei den Vorläufen ebenfalls bereits vorher fertig ausgewürfelt worden war. Die jeweiligen Kurse waren stets Olympische Dreiecke, also Dreieck und „Banane", und sehr großzügig bemessen. Für einen reibungslosen schnellen Regattaablauf waren alle formellen Bedingungen erfüllt.

In der ersten Gruppe mußte sich, quasi als Versuchskaninchen, W. Gerhardt behaupten. Eingerahmt von Seglern wie Elmaleh, Momo, Bantock, Dicks und Boisnault, erreichte er einen guten zweiten Platz. Auch uns anderen sowie unseren österreichischen Freunden gelangen die ersten Läufe recht ordentlich, ganz hinten war niemand gelandet. Das löste doch ein wenig die innere Spannung. Der Wind war immer noch frisch, die meisten fuhren ein leichtes B- oder ein C-Rigg. An diesem
Nachmittag wurden drei Durchgänge geschafft, zwischendurch leider immer wieder größere Pausen. Doch es war ja erst der erste Tag, auch Veranstalter müssen sich erst einfahren. Abends blickten wir recht zuversichtlich auf die nächsten Tage, lediglich W. Krüll hatte Pech gehabt und war wegen einer Berührung zusammen mit zwei anderen seiner Gruppe im zweiten Lauf disqualifiziert worden, da er keinen Protest eingereicht hatte.

Montagmorgen war die Sonne immer noch da, aber anfangs der Wind dafür weg. Offiziell war der erste Start für 9.30 Uhr angesetzt, aber während der ganzen Woche klappte das nicht. Vor 10.00-11.00 Uhr lief gar nichts. Die noch fehlenden zwei Vorläufe wurden mit A-Rigg bei leichter Brise durchgezogen, danach gab es eine Pause von fast vier Stunden für die Auswertung und die neue Einteilung der vier Wertungsgruppen A-D. Die Wertungsläufe wurden nach dem bekannten Flottensystem gesegelt, drei auf - drei ab. Übrigens, nichts gegen eine kleine Pause, aber man hätte (uns) ja wenigstens sagen können, daß es "länger" dauern wird. Die Landschaft drumherum war sehr reizvoll, und irgendwo sollte auch ein toller Badestrand sein, da hätte man die Zeit doch besser nutzen können, als auf dem Gelände auf und ab zu gehen und zu warten.

Die 5 Vorläufe ergaben folgendes Ergebnis, bei einem Streicher:
1. J. Walicki 0,0
2. C. Momo 1,7
3. P. Jahan 1,7
4. M. Malatesta 1,7
5. C. Lindholm 4,7
6. P. Sol 4,7
7. F. Beaupain 7,4
8. C. A. Dicks 12,0
9. W. Gerhardt 12,4
10. C. Boisnault 13,4
15. T. Dreyer 17,0
20. H. Stigler 18,0
24. R. Stigler 20,0
27. P. Gernert 23,0
35. W. Krüll 31,0

Unser deutsch-österreichisches Team war also auf alle Gruppen verteilt. Enttäuschung besonders bei J. Elmaleh (21) und G. Bantock (17), die sich sicher etwas Besseres erhofft hatten.

1989_em_1Irgendwann am Nachmittag erfolgte dann der Start der Wertungsläufe. Inzwischen hatte der Wind wieder aufgefrischt, schnell wurden die meisten Boote aufs B-Rigg umgetakelt, beim Swing-Rig ja eine Sache von Sekunden. Trotz guten Wetters wurden nur noch zwei Durchgänge gesegelt, die Walicki und Krüll auch noch je eine Disqualifikation einbrachten.

Der nächste Tag brachte wieder den ortstypischen leichten Wind und bedeckten Himmel. Lediglich drei Durchgänge wurden geschafft, hervorgerufen durch besagte ellenlange Pausen. Dieser Tag brachte W. Gerhardt, bis dahin sehr gut segelnd, eine Disqualifikation, die ihn völlig aus der Bahn warf. Auch für den Rest der Woche fand er nicht zu seiner Form zurück. Schon jetzt konnte man mit einiger Sicherheit sagen, daß J. Elmaleh seinen Titel nicht erfolgreich verteidigen würde, er war schon bis nach C abgestiegen. Der Mittwoch war Ruhetag.

Der Donnerstag lief anfangs für Weltmeister Walicki gar nicht gut, gleich zweimal hintereinander wurde er disqualifiziert, damit rückte das Treppchen in weite Ferne. Aber gewagtes und riskantes Segeln ist nun mal nicht ohne Risiko! Dagegen hatte W. Krüll nun den Aufstieg bis in A geschafft, zeigte dort im ersten Lauf, was er kann, und fiel dann im zweiten leider wieder zurück: Gras am Kiel. C. Momo hatte Arger mit der Fernsteuerung, auch für ihn entschwand das Treppchen. Endgültig weg vom Fenster ebenfalls C. Dicks, der die ersten vier Läufe in A verbracht hatte, G. Bantock, den die Gruppen C und B eisern festhielten, und C. Lindholm, der gleich zu Beginn aus A rausgeflogen war und sich nun in B und C rumschlug. Ein großer Teil der ehrgeizigen englischen Crew befand sich tapfer und anhaltend in Gruppe C. Fein herausgemacht hatten sich dagegen die beiden Neuseeländer.

Wieder gab es bei leichtem Wind nur vier Durchgänge. Der Freitag war schwül. Sowohl vom Wetter als auch von der Laune der Teilnehmer her. Die ewige Warterei ist einigen offensichtlich an die mentale Verfassung gegangen. P. Gernert schaffte nun auch den Sprung in die A. Damit hatten wir alle zumindest einmal vorne mitgemischt. W. Krülls ANJA blieb bei ihrer Vorliebe für Seegras. Zu Beginn des Tages führte P. Sol noch die Liste an, die wie folgt aussah:

1. P. Sol 8,6
2. P. Jahan 15,4
3. R. Wattam 63,4
4. M. Malatesta 70,7
5. C. Boisnault 75,2
6. G. Magnani 81 ,0
7. F. Beaupain 81,4
8. J. Elmaleh 87,4
9. C. Lindholm 87,7
10. C. Momo 95,4
11. R.Stigler 110,0
12. J. Walicki 111,0
15. W. Gerhardt 118,0
21. T. Dreyer 158,7
22. W. Krüll 159,0
26. H. Stigler 216,0
27. P. Gernert 224,0

Es ging dem Ende zu, und J. Walicki schärfte sein SKALPEL. Offensichtlich hatte ihm der Ruhetag gut getan. Nach vier Läufen konnten sich die Teilnehmer mehr oder weniger in Eile umziehen. Abendgarderobe war gefragt, da wir alle auf ein vornehmes, alt-italienisches Weingut zum Dinner eingeladen waren.

Eine recht noble Angelegenheit, zu der auch eine ganze Reihe höherer örtlicher Persönlichkeiten erschienen waren. Leider brach mitten im Essen, das im großen Garten stattfand. ein gewaltiges Gewitter über uns herein. Schon nach den ersten Blitzen fiel der Strom aus, man unterhielt sich bei Kerzenschein im Saal weiter. Trotzdem wurde der Abend leider bald beendet, und da die Zufahrtsstraße durch einen umgestürzten Baum blockiert war, ging es im Konvoi über Feldwege zur Hauptstraße zurück. Bange Frage: Stand das Zelt noch?

Ja, das schon, aber drinnen sah es wüst aus: Segel und komplette Riggs waren umhergeflogen und teilweise beschädigt, ein Boot umgekippt und in viele war durch die offenen Luken Regenwasser eingedrungen. Alles war klitschnaß, der Boden eine einzige Pfütze. P. Gernert vermißte ein brandneues Segel, welches sich am Morgen auf dem Boden einer Pfütze wiederfand, in der wir kräftig umhergestiefelt waren.

Schlimm hatte es auch die zeltenden Franzosen getroffen. Wie als Entschuldigung dafür schien am Samstag, dem letzten Tag, wieder kräftig die Sonne. Zwei Durchgänge gab es noch, um 12 Uhr war dann Schluß. Hinter uns lagen insgesamt 20 Läufe, d. h. 80 Rennen hatte es gegeben. In Anbetracht des recht guten Wetters leider ein geringe Anzahl. 67 Proteste waren verhandelt worden, die internationale Jury hatte genug zu tun gehabt. Für den Abend war die Siegerehrung angesetzt.

War die Eröffnung angenehm kurz ausgefallen, so dauerten die Reden bei der Siegerehrung dafür erheblich länger. Die eigentliche Siegerehrung verlief dann aber mehr als schnell und leider etwas chaotisch. Die Teilnehmer wurden in so rascher Folge ausgerufen, daß sich bisweilen ein Stau auf der aufgebauten Bühne bildete. Die ersten zehn erhielten Pokale und Urkunden, ebenso die beiden Neuseeländer je einen Länderpokal. Beste Mannschaft, na klar, Frankreich. Von ihrem "Schock" in Berlin hatten sie sich gut erholt!

1989_em_4Alle übrigen, erhielten eine kleine Erinnerungstafel, aber keine Urkunden oder Ergebnislisten. Das war etwas enttäuschend. Nur wer gezielt vorher gefragt hatte, erhielt problemlos die gewünschten Ausdrucke.

Insgesamt muß man sagen, daß es sich um ein qualitativ sehr hochwertiges und homogenes Teilnehmerfeld gehandelt hat. Bis in D "hinab" waren oft seglerische Leistungen bzw. Können gleichwertig. Es war hart, ehrgeizig und auch bisweilen verbissen gesegelt worden, aber die Sportlichkeit und Fairneß blieben dabei nicht auf der Strecke. Die Regel von Vermeidung von Zusammenstößen fand sehr oft Beachtung, bei den heutigen filigranen und empfindlichen Leichtbauten auch eine Voraussetzung.

Daß P. Jahan gewonnen hat, verwundert nicht, er hat die konstanteste Leistung gezeigt, war von 15 Wertungsläufen 14mal in A gesegelt. Vizemeister P.Sol war eigentlich besser, er hat 5mal den ersten Platz in A erzielt, aber zwei Disqualifikationen sind nicht ohne und kosteten ihn letztendlich den Sieg. C.Boisnault, mit 22 Jahren der jüngste Teilnehmer, aber bereits ein alter Regattafuchs, hatte anfangs etwas Schwierigkeiten, aber ab Donnerstag lieferte er hervorragende Ergebnisse.

Trotz der langen Pausen war es eine gute Regatta, die besten Sport geboten hat. Der Veranstalter hat sich für uns alle Mühe gegeben, besonders das angebotene Rahmenprogramm war toll. Für Schwächen im Regattasystem kann man nicht ihn  verantwortlich machen. Wie sagte dazu auch T. Klem, Vizepräsident der IMYRU, bei seiner Schlußrede: Wer in ein fremdes Land zu einer Regatta fährt, muß sich auch mit einer ihm vielleicht fremden Mentalität auseinandersetzen können und diese akzeptieren.

Herzlichen Dank all denen, die bei dieser Europameisterschaft geholfen haben!
Das Endergebnis:

1. Jahan
2. Sol
3. Boisnault
4. Magnani
5. Wattam
6. Beaupain
7. Walicki
8. Momo
9. Elmaleh
10. Malatesta

Die technischen Aspekte dieser EM werden in der nächsten Ausgabe beleuchtet werden.


Richtig, was Neues gab es nicht zu sehen, soviel vorab. Aber viele Ideen und Konstruktionen waren verfeinert oder modifiziert worden. Die Yachten, die an dieser Meisterschaft teilgenommen haben, zeigten sich als die besten ihrer Klasse. Der Trend sind z. Zt. relativ schmale Modelle mit etwa 5 kg Verdrängung bei etwa 3,8 kg Blei, ausgerüstet mit schmalen, tiefen, semielliptischen und sehr dünnen Kielprofilen und meistens mit dem Swing-Rig getakelt.

2/3 der Teilnehmer benutzten ein derartig getakeltes Boot. Neben dem Vorteil des sehr schnellen und einfachen Riggwechsels bietet es auch die Möglichkeit, den Rumpf superleicht und sehr einfach aufzubauen: einfach in der Mitte ein Alurohr, zusammen mit dem Kiel, irgendwo auf Deck ein Deckel a la Kaffeedose installiert, der Rest wird einfach mit dünner  Bügelfolie abgedeckt - fertig. Beste Beispiele dafür waren die französischen und englischen Boote, lediglich in Deutschland ist mir niemand bekannt, der ein Swing-Rig probiert. Es ist auch nicht einfach zu segeln, und - wie mir ehrlich versichert wurde - es braucht seine Zeit, sich darauf einzustellen. 1989_em_5Nur hier in Deutschland wird klar auf den Drehmast von Walicki gesetzt, der technisch eine Meisterleistung ist. Relativ neu ist die Variante, ein reines Swing-Rig nur für A- und B-Stells zu benutzen und bei den kleinen C-Segeln wieder ein konventionelles Rigg einzusetzen, welches aber ähnlich aufgebaut ist. Da zeigt sich die Erkenntnis, daß ein normales Swing-Rig ab frischem Wind Schwächen aufweist; die „starre" Segelfläche ist dann vor allem auf dem Vorwindkurs nicht mehr einfach kontrollierbar.

Dominierend ist immer noch die Segelbefestigung mit Ringen, Hemdsegel hatten nur vier deutschsprachige Teilnehmer, sie wurden aber nicht eingesetzt. Die meisten Teilnehmer benutzten einfache 12-mm-Kohlefaserrohre als Masten, vereinzelt gab es auch konische Ausführungen (z. B. J. Elmaleh), lediglich ein Teilnehmer benutzte Groovy-Alumasten. Die meisten Swing-Rig-Masten waren zusätzlich über Diamonds verstärkt, lediglich die Bantock-Riggs kommen ohne Wanten aus, sind dafür aber recht schwer. In Berlin hatten einige französische Teilnehmer teilbare Swing-Rigs, d. h. der Fuß war demontierbar, und die Masten wurden auf ihm herkömmlich verstagt. Offensichtlich hat sich das aber nicht durchgesetzt.

1989_em_9 Interessant am Boot von P.Jahan: Als einziger konnte er sein normales Swing-Rig in der Neigung verstellen und hatte dabei auch drei Mastpunkte. Seine Vorsegel waren als einzige ganz altmodisch in einem Stück geschnitten, da sie sehr schmal sind. Sein neuer Rumpf weist kaum noch Ähnlichkeiten mit seinen direkten Vorgängern auf, in der Bugpartie zeigt er einen leichten Knick beim Ubergang zum Unterwasserschiff. P. Sols neues Boot war an Land äußerst unscheinbar. Auf dem Wasser mußte man aber fast immer weit nach vorne gucken, um es zu finden. Auffallend sein hochgezogener Bug, der ihm den Spitznamen „Banane" einbrachte.

 

1989_em_8C. Boisnault fuhr eins der vier neuen Lucas-Boote, welches für die WM in Berlin '88 entworfen worden ist. Angeblich eine sehr schmale "CedarClub". C.Dicks trat mit einer Swing-Rig-Modifikation an, die etwas bessere Kreuzeigenschaften verspricht. Der Großbaum ist bei ihm extra herkömmlich gelagert und steht bei dichtgeholten Schoten nicht ganz mittschiffs, wohl aber der Ausleger für die Fock. Selbige steht dadurch nicht mehr so stark nach Luv vor. Er verzichtet auf ein Achterstag und erhält die nötige Riggspannung über ein paar Wanten mit nach achtern gepfeilter Saling. Durch einen
versetzten Drehpunkt des Riggs kann er ganz normale Segel fahren, d. h., er braucht keine sehr kleine Fock. Letzteres
sah man häufiger. Für B- und C-Riggs benutzt er wieder Standardtakelung mit festen Fockbaumbeschlägen. Sein Boot ist ein typisch britisches Starkwind-Design.

1989_em_6Auf den ersten Blick unscheinbar, aber im Detail ausgesprochen pfiffig war das Boot vom neuseeländischen Meister R. Wattam. Seine Beschläge sind regelrecht primitiv, aber halt funktionell. Über nur ein Servo steuert er kombiniert die Achterstagspannung, Großsegelbauch und Vorliekspannung, Großniederholer und Fockbauch! Der Großbaumbeschlag ist ein einfacher Drahthebelmechanismus: Der Baum wird mit einem Hebel einfach etwas vom Mast weggedrückt, dadurch wird das Profil flacher, und der Niederholer erhält mehr Zug. Gleichzeitig zieht das Achterstag mehr, und das Segel wird auch oben flacher und offener. Ebenso die Fock.

Als einziger fuhr er mit einer nach vorne zeigenden, recht weichen Kielflosse sowie ebenfalls vorlichem Mastfall und einem sehr großen Abstand zwischen Großsegel und Fock. Ohne das Trimmservo war dasselbe Boot übrigens bereits 1988 in Berlin vom Konstrukteur G. Smale gut gesegelt worden.

Den außergewöhnlichsten Swinger fuhr sein Kollege Dagley. Es war im Prinzip wie ein normaler drehbarer Mast verstagt und stand frei auf Deck, es handelte sich aber um eine recht wackelige Konstruktion.

1989_em_6Die meisten Teilnehmer hatten sechs abgestufte Riggs zur Auswahl, und 40% schneidern sich ihre Segel selbst. Das war es dann auch schon an Neuigkeiten. Alles weitere kann man der technischen Tabelle entnehmen.

1989_em_10

 

 

 

 

logosmOriginal erschienen in der Zeitschrift Schiffsmodell  des Neckar-Verlags 11,12/1989 Autor:Thomas Dreyer.
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