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Wie bereits erwähnt, sind Rumpf, Kielflosse und Ruder die Teile einer IOM-Yacht, die dem passionierten Konstrukteur und Tüftler den meisten Spielraum in Sachen Formgebung und Design bieten.
Dabei sind vor allem beim Rumpf einige Vorgaben einzuhalten, sowohl direkte als auch indirekte. Zu ersteren zählen die Ausführung als Monorumpf und die Abmessungen: Maximallänge 1000 mm incl. 10 mm fexiebeler Rumpspitze und maximaler Tiefgang 60 mm. Die indirekte Vorgabe besteht darin, dass das gesamte Boot ein Mindestgewicht von 4 kg haben und somit auch die entsprechende Verdrängung aufweisen muss. Ab hier sind Phantasie und Einfallsreichtum keine Grenzen gesetzt.

Was seit Schaffung der IOM dabei herausgekommen ist, kann sich gegenüber anderen Bootsklassen und deren Entwicklungsweg mehr als nur sehen lassen: Geschätzt gibt es zur Zeit weltweit ca. 150 verschiedene Konstruktionen, und jedes Jahr kommen ungefähr 20 neue dazu! Ein Ende dieser Entwicklung ist momentan nicht in Sicht.

Dennoch kann im Gegensatz dazu von einer rapiden Veralterung bereits existierender Boote kaum gesprochen werden. Die Erhöhung des Geschwindigkeitspotentials geht nämlich nur sehr langsam voran. Grund dafür sind jene 4 kg Mindestgewicht, die jeder Konstrukteur irgendwie in Volumen umsetzen muss.

Natürlich gab und gibt es auch hier die unterschiedlichsten Trends, meist ausgelöst durch den jeweiligen Erfolg der Boote. Blicken wir doch einmal zurück: Bei der Weltmeisterschaft 1994 in Frankreich war der meistvertretene Typ die JAZZ (G. Bantock), mit ca. 24 cm Breite und einem ziemlich runden Hauptspant relativ "normal" proportioniert. Die meisten der anderen Boote bewegten sich in einem ähnlichen Rahmen. Daneben tauchten bereits die ersten sehr schmal geratenen Konstruktionen auf. Beispiele hierfür sind u.a. die METRIC MAGIC (C.Dicks) und G. Bantocks RED WINE, mit der er diese WM gewann. Danach schien alles nur noch schlanke Rümpfe bauen zu wollen. In Deutschland entstanden so die WHITE BEER (M. Wolf) und die TEST 4 (J. Amenda). Währenddessen ging man in Down Under ganz andere Wege. Der Australier Craig Smith orientierte sich an der seit einigen Jahren äußerst populären Klasse der 18-Füßer aus der Großseglerszene, sogenannten Skiffs. Seine TS-2 weist einen sehr keilförmigen Verlauf der Deckskante auf und erreicht ihre größte Breite von 30 cm erst kurz vor dem Heck. Mit dem Gewinn der `96er WM warf dieses Boot alle bis dahin gültigen Theorien über den Haufen und entfachte einen wahren "Schüssel"-Boom. Mittlerweile gibt es jede Menge ähnlicher Konstruktionen, die unterm Strich alle irgendwie schnell sind. Aber all das hat sich relativiert und man hat sich auf eine Bootsbreite von 20-24cm eingeschossen, diese Boote zeigen unter allen Bedingungen ein ausgewogenes und schnelles verhalten. Ausreißer nach oben oder unten gibt es aber nach wie vor noch

Die Kielflossen und Ruder sind im Verlauf der Jahre immer dünner und strömungsgünstiger geworden, mitlerweile ist es so das sie die grösseren M-Boote an diese Profielen orientieren
Bei der Formgebung des Ballastgewichtes ist man sich mittlerweile einig, hier hat sich ganz eindeutig eine lange, gestreckte Form durchgesetzt.Welcher Rumpf ist nun aber der beste? Die Antwort auf diese Frage wird wohl immer einen relativen Charakter haben, denn in erster Linie muss jeder Segler ein Boot finden, mit dem er selbst gut zurecht kommt.

Gerade Neueinsteiger sind diesbezüglich sicher gut beraten, wenn sie anfangs auf etwas Bewährtes zurückgreifen - ein Gebrauchtboot, möglichst komplett. Auch wenn es vielleicht schon zwei bis drei Jahre Regattaeinsatz hinter sich hat, es ist normalerweise ordentlich eingetrimmt und weist keine Kinderkrankheiten mehr auf. Zudem hält sich die Belastung des Geldbeutels noch in Grenzen. Allerdings kann man derzeit nicht gerade von einer Überangebot an Gebrauchten reden, so dass sich bei Bedarf eine Suchanzeige durchaus lohnt.

Mit der Zeit und einigen gemachten Erfahrungen kommt dann vielleicht der eine oder andere an den Punkt, daß er mal selbst eine Regattajacht konstruieren und bauen möchte. Warum auch nicht! Ein Ingenieustudium in Schiffbau ist keine unbedingte Voraussetzung, wohl aber ein paar eigene Ideen, allgemeine Grundkenntnisse im Modellbau und die nötige Ausdauer. Als Anregung für alle Interessenten gibt Jens Amenda, der Erbauer der TEST 4-7, an dieser Stelle einen kleinen Einblick in seine Vorgehensweise:
Die Grundausstattung für das Konstruieren besteht entweder aus einem PC plus einem CAD - Programm oder, wer es klassisch mag, aus Millimeterpapier, Zeichenwerkzeug und einer einfachen Holzleiste. Bei letzterer Variante solle der Maßstab möglichst goß, also 1:1 oder 1:2, gewählt werden, da es sonst zu ungenau werden würde.

Die Zeichnung wird als Drei-Seiten-Ansicht ausgeführt, d.h. mit je einer Betrachtungsebene von oben (X), von der Seite (Y) und von vorn (Z). In Ansicht X werden entlang der Rumpfmittellinie die Positionen der Spanten festgelegt. Gleiches geschieht in Y, wobei hier als weiterer Bezug die künftige Wasserlinie eingezeichnet wird.
Z erhält als Basis ein Koordinatenkreuz aus horizontaler und vertikaler Rumpfachse. Ab jetzt beginnt das eigentliche Konstruieren: in Y werden die gewünschte Tiefgangskurve , in X der gewünschte Verlauf der Wasserlinie und in beide Ansichten der der Deckskante eingezeichnet. Die Schnittpunkte dieser Kurven mit dem jeweiligen Spant werden nun nach Z übertragen und lassen so für jeden eizelnen Spant 5 Punkte entstehen. Mittels einer Kurve miteinander verbunden entsteht so die erste Grobansicht des Rumpfes bzw. des Spantengerüstes (Skizze 1). Dieses ist aber noch viel zu ungenau, weshalb Z mit einem Netz aus horizontalen und vertikalen Linien (Abstand 15mm) in zusätzliche Schnittebenen unterteilt wird. In X und Y zeichnet man in demselben Abstand Parallelen zu den jeweiligen Bezugslinien ein. Jetzt geht man den umgekehrten Weg und überträgt die Schnittpunkte der Spantkurven mit den Netzlinien in die jeweils zugehörige Ansicht und auf die jeweilige Spantposition. Die daraus resultierenden Kurven werden höchstwahrscheinlich keinen vernünftigen Verlauf haben, sondern eher Schlangenlinien gleichen. Man beginnt also, diese Kurven zu korrigieren, die neuen Schnittpunkte zurück nach Z zu übertragen, um dort die Spanten zu verfeinern. Sollten diese wiederum dadurch noch nicht die gewünschte Form angenommen haben, so korrigiert man erneut und die gesamte Prozedur beginnt von vorn. Das Ganze muss nun so oft wiederholt werden, bis alle drei Ansichten dem entsprechen, was zu Beginn nur als einfache Idee vorhanden war (Skizze 2).

Zu guter letzt sollte man die ungefähre Wasserverdrängung ermitteln. Dazu berechnet man zuerst die Flächen der Spanten unterhalb der Wasserlinie und halbiert diese. Im nächsten Schritt addiert man die daraus erzielten Ergebnisse der jeweils benachbarten Spanten und multipliziert sie mit dem entsprechenden Zwischenabstand. Die Summe der daraus resultierenden Teilvolumen ergeben dann in etwa die Wasserverdrängung, sie sollte zwischen 3800cm³ und 4000cm³ liegen.

Um seine Zeichnung in die Realität umzusetzen, bietet sich gerade in der Ein-Meter-Klasse einiges an Möglichkeiten. Soll es ein Einzelstück werden, kann man getrost einen Rumpf aus Holzleisten bauen - von der Optik her gibt es nichts Schöneres. Eine andere Variante besteht darin, ein Ur-Modell anzufertigen und dieses dann direkt als Basis für ein Positivlaminat oder als Kern für eine Negativform zu verwenden, in der dann der eigentliche Rumpf aus Kunstharz und Glasgewebe hergestellt wird. Trotz des höchsten Gesamtaufwandes findet letzteres die häufigste Anwendung. Schließlich bekommt man bei entsprechender Vorarbeit einen Rumpf mit perfekter Oberfläche aus der Form.

Ob sich die Eigenanfertigung von Kiel, Ballast und Ruder lohnt, ist fraglich. Diese Komponenten sind von der Sache her doch ziemlich ausgereizt und von verschiedenen Herstellern in den unterschiedlichsten Variationen zu haben, so daß für jeden Geschmack etwas dabei sein dürfte.

Ich hoffe, daß diese kleine Anregung ihre Wirkung nicht verfehlt, und vielleicht sieht man ja irgendwann einmal einen Eigenbau, dem dieser Beitrag zum Schwimmen verholfen hat.